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Und noch wat aus dem Leben der Raucher

Wer hat meine Friedenspfeife geklaut?  Berlin Mitte. Rosenthaler Straße

Wer hat meine Friedenspfeife geklaut?
Berlin Mitte. Rosenthaler Straße

Das Hotel Sport in Jablonec war ohne Frühstück. Wir stiegen vom Berg in die Stadt hinunter und suchten nach einem Café. War gar nicht so einfach. Hinter der ersten Tür, die wir öffneten, war die Luft so dick, dass wir einen Hustenanfall bekamen. Hinter der zweiten Tür ebenfalls. Restaurants, in denen man raucht, waren wir nicht mehr gewöhnt. Ist das nun ein Fortschritt oder ein Rückschritt. Hinter der fünften oder sechsten Tür existierten sowohl ein Raucher- als auch ein Nichtraucherraum, die freilich ineinander übergingen, aber das war ja schon mal was. Wir hatten wirklich Knast und holten uns vom Tresen, was es eben so gab. Drüben, auf der anderen Seite der unsichtbare Grenze, zogen sie an ihren Zigaretten und tranken in Halblitergläsern das gute böhmische Bier. Der Tscheche ist sehr leistungsfähig, während wir einer Schicht angehören, die dank der westlichen Lebensweise ohne jede Widerstandsfähigkeit ist. So weit sind sie in Böhmen noch nicht herunter- oder heraufgekommen.

Aber warum rauchen sie auch bei uns in der Rennbahngaststätte in Berlin-Karlshorst? Ist das eine böhmische Enklave? Wohl kaum. Die Leute füllen da ihre Wettscheine für alle möglichen, vor allem Pferdewetten aus und beobachten unter großer Anspannung den Rennverlauf auf den Monitoren. Es geht um Haben oder Nichthaben, um Gewinn oder Verlust, aber wenn man die Gestalten in ihrem Zustand sieht, wohl auch um Leben oder Tod. Sie leben alle in einem Grenzbereich, und es ist wohl richtig, dass sie nicht mehr richtig atmen und nur noch durch das Ziehen an der  Zigarette Sauerstoff in einer nicht zu großen und nicht zu geringen Menge aufnehmen können. Insofern muss man ihnen das Rauchen einfach erlauben. Alles andere wäre Mord.

In den ersten zehn Jahren nach der Einheit hatte das Rauchen noch kein ganz schlechtes Image. Wir saßen in unserer Redaktion und kämpften ums Überleben der Zeitung. Jede Woche wurden die besten Köpfe (hier wäre übrigens das moderne Wort „selbsternannt” am Platz) des Teams zu einem Brainstorming zusammengerufen. Die Regel war, dass Ideen ausgespuckt werden sollten und jeder Einfall, mochte er auch noch so abstrus sein, gegen jeden Einwand geschützt war. (Wahrscheinlich waren es diese Brainstormings, an denen wir letztlich gescheitert sind.) Wir hatten ein paar karrierebewusste junge Männer aus besten Familien dabei. Ich glaube, dass sie eigentlich Nichtraucher waren, aber zu diesen Sittings tranken sie teuren Rotwein und qualmten dicke Zigarren. Sie waren sich ziemlich sicher, dass sie von den Frauen der Runde in diesen Momenten als Helden verehrt wurden. Dafür nahmen sie auch gern einen Durchfall in Kauf. Nach der Arbeit wartete nur eine Eigentumswohnung ohne Frau auf sie. Die Frauen wurden damals bei diesen Eigentumswohnungen noch nicht mitgeliefert. Also blieben sie so lange wie möglich in der Redaktion und rauchten sich die Hosen voll.

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