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Der kurze Schatten des Eroberers

Mit eher gesenktem Kopf, ohne Angst und ohne Lust, erobert der Junge das Neuland, Potsdam 1984, heute vor dreißig Jahren. Neuland oder Neubaugebiet war Abenteuerland. Die Firmen verließen ihre Baustellen, wie Firmen ihre Baustellen einfach nicht verlassen dürften, aber es dennoch taten, der Boden aufgewühlt, bucklig, Reste des Baugeschehens lagen herum, bizarre Rohre endeten im Nichts. An einem Gebäude findet sich immerhin der Name Karl Marx. Keiner musste in seinem Grab so heftig rotieren wie er. Man hatte dieses Gebiet erst noch zu erobern, die Straße, wenn man überhaupt eine erkennen konnte, war voller Überraschungen, die Pläne gingen erst mit Verspätung und inkomplett in Erfüllung, die Bauleute hatten sich Volker Brauns Zeile „Kommt uns nicht mit Fertigem” ins Stammbuch geschrieben. Schönheit war nicht eingeplant. Man zog ein in einen neuen Block und sollte glücklich sein, musste aber zur Kenntnis nehmen: Es gibt noch viel zu tun. Wenn wir es nicht selbst tun, tut es wahrscheinlich niemand.

Und doch und doch und doch. Das Foto hat für mich eine spezielle Poesie. Ein Junge allein vor einem inhaltlosen Feld. Der Western im Osten. Er kann nicht wissen, was auf ihn zukommt, im nächsten Moment und in fünf Jahren. Er geht es in der einzig möglichen Haltung an. Die Jacke über die Schulter geworfen. Der Blick auf die unwegsame Erde geworfen. Ohne Erwartungen, ohne Hemmungen. Einen kurzen Schatten werfend. Was kommt, soll kommen. Ich nehme es mit allem auf.

Und hier sollen wir wohnen © Christian Brachwitz

Und hier sollen wir wohnen
© Christian Brachwitz

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