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Solidarität im Halbschlaf

Es ist der Film in der Mitte. Berlin, Kino in den Hackeschen Höfen

Es ist der Film in der Mitte. Berlin, Kino in den Hackeschen Höfen

Besteht die Gefahr, dass die Filme der belgischen Brüder Dardenne irgendwann (oder schon jetzt) allzu sozial werden? „Zwei Tage, eine Nacht” hat Sandra Zeit, um ihre Kollegen umzustimmen. Denn folgendes ist geschehen. Dumonts kleine Firma kann angeblich die Prämie von 1000 € pro Mitarbeiter nur zahlen, wenn einer entlassen wird. Und da bietet sich Sandra an, die wegen einer Depression krank geschrieben war und nun wieder gesund ist. Bei einer ersten Abstimmung haben sich fast alle Mitarbeiter gegen Sandra entschieden, aber offensichtlich waren sie von Jean-Marc, dem Vorarbeiter, beeinflusst, und Dumont erklärt sich bereit, noch einmal und nun geheim abstimmen zu lassen. Nun müsste Sandra kämpfen, aber sie kämpft nicht. Es kämpfen Juliette, ihre Freundin, und Manu, ihr Mann, der Sandra zuredet, die allerdings schon begonnen hat, wieder Antidepressiva zu schlucken. Sandra kann ihre Kollegen viel zu gut verstehen, um sie umstimmen zu wollen, 1000 € sind viel Geld, das alle gut gebrauchen können und auf das manche von ihnen nachgerade angewiesen zu sein scheinen. Und wie soll es dann auf der Arbeit weitergehen, wenn Sandra sich den Hass der anderen zugezogen hat, weil ihnen das schöne Geld entgangen ist! Aber dann sitzt die Familie doch am Tisch. Sandra, Manu und die beiden Kinder, und sucht die Adressen der Kollegen raus. Mehr noch als die Kollegen auf die Prämie ist Sandras Familie auf den Job angewiesen: Sie müsste sonst das kleine Häuschen aufgeben, das sie abzuzahlen haben, und in eine Sozialwohnung ziehen. Voller Zweifel macht Sandra (Marion Cotillard) sich auf den Weg. Sie ist kein Mensch, der mit Engelszungen reden könnte. Es sind immer dieselben strohigen Sätze, die sie vorzubringen vermag, es sind eher ihr Gesicht und ihre Haltung, die für sie sprechen, ja, sie kann jeden verstehen, der auf das Geld nicht verzichten kann, nein, sie nimmt es keinem übel, wenn er gegen sie stimmt.

Durch die Erzählstruktur ist Monotonie vorgeprägt, die ewige Wiederkehr des Gleichen, und doch empfinden wir diese Monotonie nicht oder nicht als störend. Es geht um Details. Wir kommen rum in der belgischen Provinz, wir sehen Fußballplätze, Vereinsgaststätten, Waschsalons, Bistros, Supermärkte, Garagen, Hinterhöfe, gesichtslose Wohnviertel, bescheidene Besitzstände, die leicht bedroht sein könnten. Einige Kollegen verbergen sich hinter der Gardine und öffnen nicht, anderen brechen in Tränen aus, weil ihnen bewusst ist, dass sie eine Kollegin verraten haben, „ich bin froh, dass du gekommen bist, ich werde für dich stimmen”. Wieder andere werden gewalttätig, wenn sie spüren, dass es ihnen ans Geld geht. Wir erleben den kleinen, scheinbar gemütlichen Kapitalismus und wie die Verhältnisse die Seele deformieren können. Nicht müssen. Kulminationspunkt ist das Verhalten von Anne, die aufzählt, wofür ihre Familie die 1000 € benötigt, aber noch mal mit ihrem Mann sprechen will. Sie entscheidet sich nach zähem Ringen für Sandra, gegen die Prämie, aber auch gegen ihren machohaften Mann. Aber da hat Sandra schon eine Überdosis Tabletten geschluckt. Durch Annes Entscheidung beginnt ihre Schlacht noch einmal, bewusster, konsequenter, und das Lächeln kehrt zurück.

In einer Zeit wie unserer kann ein Film wie dieser, eine Reportage mit Schauspielern, eine Versuchsanordnug der Solidarität, nicht zu sozial sein. Die Dardenne-Brüder machen das, was gemacht werden muss, wie ihre Heldin das tut, was getan werden muss, mag es auch aussichtslos sein.

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