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Sushi und Transit

Ein DT-Flyer, ein Roman

Ein DT-Flyer, ein Roman (alte Ausgabe vom Aufbau-Verlag)

An einem Sonnabend-Abend in Berlin geht man Sushi essen und anschließend ins Theater. Sieht aus wie eine Mensa, das Sushi-Restaurant in der Mittelstraße, blanke Tische, quadratischer Raum und munterer Betrieb. Kaum sitzt man, steht schon ein Becher Tee vor einem, man kann an den Tresen gehen und nachfüllen, Studenten sollen das ausgenutzt, hier gesessen und kostenlos Tee getrunken haben; so geht das jetzt nicht mehr. Irgendwie wissen die Gastronomen wohl, dass viele Sushi-Freunde keine Ahnung von Sushi haben, und so sind in der Speisekarte die Angebote abgebildet und kurz definiert, aber das reicht noch nicht, man sollte jemand dabei haben, der einem sagt, dass man einfach eines der Menüs nehmen soll, zur sonnabendliche Happy our extra günstig, und vielleicht noch ein paar Ergänzungen zum Beispiel California-Uramak, in die kleinen Schälchen gibt man etwas Soja-Sauce, die scharfe grüne Paste und etwas Ingwer, man müht sich mit den Stäbchen ab und tunkt die Sushi-Stücke in die Schälchen und holt sich noch mal Tee. Ein bisschen fühlst du dich im Sushi-Restaurant wie ein Emigrant.

Und darum geht’s im Theater. Die DT-Box im Deutschen Theater spielt „Transit”, die Dramatisierung des Exil-Romans von Anna Seghers. Es ist die Premiere, wenn nicht gar die Uraufführung, die Textfassung haben der Regisseur und die Dramaturgin hergestellt, und das Team hat sich mit der theatergerechten Umsetzung anscheinend nicht wenig abgequält, so dass ein altes Heiner-Müller-Zitat wieder zu seinem Recht kommt. „Theater ist Intrige.” Man munkelt, dass der Regisseur Alexander Riemenschneider, eigentlich Holzschnitzer, wie man weiß, immer wieder reduziert und reduziert hat, so dass es am Ende wohl auf eine Lesung mit Ein-Mann-Live-Musik hinauslaufen wird. Er hat keinen Plan und wahrscheinlich auch kein Herz, lautet das Gerücht. Was wäre das Theater ohne solche Gerüchte.

Ich habe das Deutsche Theater lange nicht mehr betreten, das letzte Mal war ich wohl vor der Rekonstruktion des Hauses da und kann nun sagen: Hier wird auf keinen Fall der Mangel verwaltet. Da haben wir eine wunderbare Bar, die es früher nicht gab, da haben wir eine schöne Terrasse und die WC’s imponieren mit vornehmer Sanitärkeramik. Dagegen war das DT früher ein Arbeitertheater. Auch die Spielstätte DT-Box hat es nicht gegeben. In der fühlt man sich allerdings wie in einer Schachtel, warm ist es und die Technik schwebt über unseren Köpfen.

Thorsten Hierse, ein junger Mann, aus Hamburg ans DT gekommen, ist der Emigrant. Tobias Vethake hat die Musik zum Stück entwickelt und spielt sie live ein, auch er ist hergerichtet wie ein Flüchtling, eine altmodisch brave Frisur, Hosenträger unter der Emigrantenjacke, und immer wieder läuft Wiebke Mollenhauer quer über die Bühne, sie ist die Marie des Romans, zeigt Verlorenheit und Orientierungslosigkeit der Emigranten, der aussichtslose Kampf um die rettenden Papiere, Transit.

Es wird dann doch keine Lesung mit Livemusik, sondern ein echter Theaterabend. Hierse, der Emigrant in einem weißen Unterhemd mit Knopfleiste, will, im Marseille des Jahres 1941, seine Geschichte loswerden, erzählt sie einem imaginären Zuhörer, der auch jedweder Mensch im Publikum sein kann, es ist die Erzählung eines Mannes, der seine Angst besiegt hat, als er sich fragte, wovor genau er denn Angst habe, in einer Lage, da alles flüchtig ist, flüchtige Bekanntschaften, flüchtige Gefühle, flüchtige Erinnerungen, flüchtige Heldentaten, flüchtige Feigheiten. Die Sinnlosigkeit der Flucht – man könnte sich auch retten, indem man einfach sitzen bleibt, wer weiß das schon. Aber wichtig ist, dass diese Erzählung stattfindet, und sie wird überbracht mit enormer Konzentration und Intensität. Der Emigrant hat sich eingesponnen in seine Geschichte, in die Identität des Schriftstellers Weidel, die ihm zugefallen ist (und fast auch dessen Frau), und dann bricht mit der Urgewalt der Musik die globale Wirklichkeit der Emigration ein, Vethake hämmert mit ungeheurer Wucht auf zwei abgeschabte Emigrantenkoffer ein.

Anna Seghers hat den Roman mit erstaunlicher Festigkeit geschrieben, die Bodenlosigkeit der Emigration, die sie erlebt hat, konnte die Hand der Schriftstellerin nicht merklich verunsichern. Die Gefühlslage ist nicht eindimensional. Ab und zu wird vereinzelt gelacht, nicht unbedingt an komischen Stellen. Später geht das Gerücht um, dass es der Regisseur war, der gelacht hat. Offensichtlich muss an diesen Stellen für ihn etwas aufgegangen sein. Ein Plan, den er vielleicht doch gehabt hat. Ein Herz, das ja nur schneller schlagen kann, wenn man es hat.

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