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Berlin Alexanderplatz (11): Der Schläfer erwacht

Irgehdwo muss hier auch Renate Künast sein Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Irgendwo muss hier auch Renate Künast sein
Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Ich gehe über den Alexanderplatz. Der Platz ist voller Menschen, ich sehe keinen Grund, stelle mich neben den romahaften (ist es so korrekt?) Russenmützenverkäufer (und das? Ist das korrekt?) und mache ein Bild gegen die Sonne, das natürlich dramatisch aussieht. Why not. Wolken wie anschwellende Zuckerwatte über dem Saturn. Die Wege kreuzen sich, wie immer, von Ost nach West, von West nach Ost. Bratwürste werden gebrutzelt und auch mal verkauft, Handys traktiert. Warum ist es plötzlich wieder so heiß geworden. Und wie hält der Jugendfreund das mit Brille, Bart, Melone auf dem Kopf und schwarzem Wintermantel aus. Wer fromm sein will, muss leiden. Vier Fahrradfahrer, die Männer in Trikots der deutschen Fußballnationalmannschaft noch ohne den vierten Stern, staunen den Himmel an, obwohl der Wolkenkratzer von Frank Gehry noch reine Fiktion ist.

„Da ist es, wo man besser ruht als in dem Freunbett der Königin …” Villon/Zech

„Da ist es, wo man besser ruht als in dem Freudenbett der Königin …” Villon/Zech

Fielmann, Burger King, Zigarettenkippen, Kronkorken. Der Platz wird niemals sauber sein. Der Mensch und sein Rucksack. Die Umrandung des Womacka-Brunnens (oder Nuttenbrosche) ist gut besetzt, Touristen, wegmüde Wanderer, tatenlose Jugendliche. Besonders zieht mich ein Schläfer an in einer dicken großkarierten Jacke, er hat sich ausgestreckt, die halbleere Rotweinflasche neben sich, sein wertvollstes Gut. Als er kurzzeitig erwacht, scheint er Angst zu haben, dass er die Flasche im Schlaf umstoßen und zerbrechen könnte, also versucht er, sie von der Umrandung auf das Pflaster zu stellen, aber er kann den Abstand nicht einschätzen und so verharrt sein Arm eine Weile zwischen Himmel und Erde, bis er es schließlich doch schafft, die Flasche ohne Unfall zu Boden zu bringen. Anschließend kann er ohne Alpträume weiterschlafen. Zwei Meter weiter kriegt ein Baby eine ganz andere Flasche, hat aber keine Lust zu trinken.

Wolkenkratzer kommt noch

Wolkenkratzer kommt noch

Riesige Einkaufstüten. Mannometer. Die Taube sieht mit Missvergnügen, wie die Spatzen Imbissreste aufpicken (das sollte besser mir zukommen). Ein alter Herr im hellblauen Pulli hat Probleme mit seinem Smartphone, ja, er starrt da rauf wie das Schwein ins Uhrwerk. Der Grund für die Menschenansammlung ist offenbar. Die nicht mehr ganz neue Primarkfiliale. Sie ist da, wo früher der Saturn war. Jetzt wissen wir das. In ihrer Glasfassade spiegeln sich die umliegenden Gebäude, einschließlich Fernsehturm, auf morbide Weise. Boys und Girls sitzen abgeschlagen vom Einkauf und etwas enttäuscht auf den Stufen. Dagegen helfen Pommes mit Mayo. Vielleicht. Ein Mann und sein Hund bereiten sich darauf vor, mit Kunststücken Geld verdienen zu wollen. Vater, Mutter, Tochter aus dem Schwabenland lassen von einem erstaunlich hilfsbereiten Berliner Teenager mit Vollbart das Berlin-Alexanderplatz-Erinnerungsfoto schießen. „Wir können über Berlin eigentlich nichts Schlechtes sagen. Und auch nicht über Ostberlin. Auch auf dem Alexanderplatz sind wir nicht erschlagen worden.”

Zuckerwatte überm Saturn

Zuckerwatte überm Saturn

Ein elektrisch verstärkter Musiker beugt sich über die Münzen in seinem Gitarrenkoffer. Ich sehe, dass die Pflastermaler nach Vorlagen arbeiten. Ein ambitionierter Traditionalist hat den Hasen von Dürer und den armen Poeten von Spitzweg auf die Steine gebracht. Er sitzt in der Hocke vor seinem Werk. Die Passanten bleiben stehen, ja, diese Bilder kommen ihnen bekannt vor, und haben die Hand auf dem Portemonnaie. Bei Primark nehmen sie sie wieder runter. Man steigt aus dem Bus und haut sich erstmal ne Lulle in die Schnauze. Der Schläfer vom Womacka-Brunnen ist erwacht. Die Flasche in der Hand spaziert er durch den Bahnhof. Der Schlaf hat ihm gut getan.

 

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