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Oblomow in Linz

Ruhende Hände, geschlossene Augen. Oblomow © Christian Brachwitz

Ruhende Hände, geschlossene Augen. Oblomow
© Christian Brachwitz

Schwerlich mag man in Brachwitz’ Foto Oblomow erkennen; den stellt man sich alt, stumpf, fett und abstoßend vor. Hier haben wir aber den Oblomow, wie ihn das Theater in Linz zeigte, und der Fotograf hat ihn vollends in die Welt der Träume herübergeholt. Und das ist nicht falsch. Bei Gontscharow, seinem Erfinder, ist Ilja Iljitsch Oblomow ein noch junger Mann von 32 Jahren, mittlerer Größe und angenehmem Äußeren. Dass er sein Leben zu neunzig Prozent im Bett verbringt, ist allerdings auch wahr. Je weniger wir ihn als Witzfigur sehen, je ernster wir diesen Oblomow nehmen, desto mehr kann uns diese große Gestalt der Weltliteratur geben. Oblomow tut nichts, weil es noch zu früh ist, um etwas zu tun. Zwei Stunden danach ist es schon zu spät, um noch etwas zu tun. Was ist das? Faulheit? Unentschlossenheit? Gontscharow, schrieb der Schweizer Literaturwissenschaftler Fritz Ernst, stammt aus einer jener tausend russischen Städte, welche stehend schlafen können … Dieses Gen hat er seinem Oblomow mitgegeben, der in Wahrheit hochveranlagt ist, wohl auch mit einem Scharfblick, der ihm sagt, dass alle Aktivitäten ja doch zu nichts führen. (Man muss jetzt aufpassen, dass man nicht gleich zum Russen- oder gar Putin-Versteher gemacht wird.) Aber weiter. „Heute müssen wir uns von den heroischen, energiegeladenen und produktiven Charakteren abwenden”, schrieb V. S. Pritchett 1946. „Der Feigling Falstaff, der sublime Faulenzer und Träumer Oblomow sind entsprechendere Kandidaten. Vor allem Oblomow … In einer Welt des Handelns entdeckt er den Zauber des Zauderns, … für uns liegt er in Wachträume versunken im Bett, für uns wandert sein Denken zurück in das Arkadien der Kindheit und berauscht sich an benebelndem Erinnern…, wer weiß, welche wertvollen kleinen Bestandteile menschlichen Empfindungslebens verlorengehen, wenn der Mensch sich bestimmen lässt, aufrecht zu stehen.”

Wir wollen trotzdem keine Oblomows sein. Pritchett entdeckt in ihm die Anlage zum Wahnsinn, der auch Gontscharow, seinem Schöpfer, nicht fremd war. Der war wahnhaft davon überzeugt, dass der ungleich erfolgreichere Turgenjew ihm einige seiner Gedanken und Romangestalten gestohlen habe. „Der arme Gontscharow wird noch im Irrenhaus enden”, sagte Turgenjew kühl.

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