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Berlin Alexanderplatz (10): Von Ost nach West übers Pflaster

Diese Flamme verschwindet gleich in diesem Mund

Diese Flamme verschwindet gleich in diesem Mund

Die Grüne Renate Künast, die sich vor nicht allzu langer Zeit Hoffnungen machte, Regierende Bürgermeisterin von Berlin zu werden, dann aber an etwas so Banalem scheiterte wie der Sichtbarkeit ihrer permanent schlechten Laune, verrät uns in der FAZ, dass Leute, die einen Großteil ihres Lebens in Berlin zugebracht haben, „eher selten am Alexanderplatz vorbei” kommen. Sie kann also für diese, wie meine Oma gesagt hätte, besseren Leute sprechen. Die Gründe, dass sie den Platz meiden, Künast: „Zu laut, zu unfreundlich, zu viele Ramschmärkte mit Bretterbuden und Zuckerwatte”. Es reicht Zuckerwatte, um der Grünen Künast die Laune zu verderben. An Heruntergezogenheit der Mundwinkel schlägt sie sogar die Bundeskanzlerin, hinzu kommt die Vorgeschobenheit des Kinns. Man ist kampfeswillig.

Und jetzt passiert auch noch dies auf dem Alex. Der Billiganbieter Primark eröffnete eine Filiale, der seine Tiefstpreise durch die gnadenlose Ausbeutung der Textilarbeiterinnen in Bangladesch erzielt. Das passt, in den Augen der Grünen Künast, genau zu diesem Ort. Wir verstehen: Nun ist also der Alexanderplatz auch noch am Unglück der Arbeiterinnen in Bangladesch schuld.

Okay. Wer sich als Politiker bemerkbar machen will, muss sich was einfallen lassen. Die Bretterbuden, das sind Kioske, die dort zu Frühlings- und Oktoberfesten und Weihnachtsmärkten aufgebaut werden. Dass die Leute, die dort ihr Geld verdienen, halbwegs gute Arbeitsbedingungen haben, wünschen wir ihnen und auch der Grünen Künast, die wahrscheinlich in ihrem Berliner Leben nicht öfter als dreimal auf dem Alexanderplatz gewesen ist. Für einen hauptstädtischen Platz ist es dort eher zu still als zu laut.

Von der Leichtigkeit des Singens

Von der Leichtigkeit des Singens

Vor dem Kino überquere ich den Platz einmal von Ost nach West. Unter der Weltzeituhr ein Troubadour von vielleicht gerade mal achtzehn Jahren. Er singt und klampft seine Songs und bringt das Kunststück fertig, dabei unentwegt zu lächeln. Er freut sich, dass man ihm zuhört und ab und zu ein paar Münzen in seinen Gitarrenkoffer legt. Ein Mädchen läuft zurück zu ihrer Gruppe und ist außer sich vor Freude. Ich krieg seine Nummer, ruft sie, ich krieg seine Nummer. Zu laut, zu unfreundlich. Bretterbuden. Zuckerwatte.

Ein paar Meter weiter ist eine ältere Dame in der Hitze umgekippt. Sie sitzt jetzt auf einer Bank, die unfreundlichen Alexanderplatzbesucher kümmern sich um sie und haben längst den Rettungsdienst angerufen, der jetzt vorfährt, die benommene Frau auf eine Trage bettet und sie ins Auto hebt. Ich sehe keine Voyeure, die Maulaffen feilhalten.

Die Retter retten

Die Retter retten

Wiederum ein Stück weiter nach Westen bläst ein dünner Mann in seinen Dudelsack. Eben haben noch zwei Kleinkinder dazu getanzt, aber dann haben sie, unfreundlich wie sie sind, bemerkt, dass man nach dieser Musik nicht richtig tanzen kann und sind weitergelaufen. Zur Hauptattraktion dieses Tages auf dem lauten Alexanderplatz. Das ist Zaktakular aus Neuseeland. Der steckt die brennende Fackel in seinen Mund und beschwert sich über den schlechten Geschmack, den das hinterlässt. Sein Englisch ist so, dass auch die lachen können, die kein Englisch verstehen. Der Mann, der mit seinen Witzen darüber hinwegwischt, wieviel Können dahintersteckt, wenn er auf einem rollenden Zylinder Handstände macht. Und am Ende hat er reichlich Kohle in seiner Melone. So laut, so unfreundlich ist es auf dem Alexanderplatz. Und statt Zuckerwatte schlucken sie dort Feuer.

Der spezielle Charme des Equilibristen

Der spezielle Charme des Equilibristen

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