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Summer in the City

Die Schattenlinie

Die Schattenlinie

Der Rasen verfärbt sich, vereinzelte Blätter fallen schon von Busch und Baum. Im Nachbargarten haben sie ein Zelt aufgestellt. Die Nachkommenschaft ist angerückt. Es riecht nach Spiritus. Schwarze Grillwolken steigen auf. Elf Erwachsene versuchen, ein Baby bei Laune zu halten. Am ungeschicktesten stellt sich die Alt-Kindergärtnerin an, so mit Babysprache. Das sind die Berufskrankheiten. Schlimmer noch, wenn die Männer die Fußballweltmeisterschaft auswerten nach dem Motto „drei Meter im Abseits und nicht gepfiffen”. Nichts ist so alt wie eine WM vom letzten Wochenende.

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Ich war draußen, sagt Eugen am Telefon. Die Hitze hat ihn unvermittelt und voll getroffen. Er taumelte, musste sich festhalten und eine Bank aufsuchen. Ich kann gar nicht daran denken, heute mit dir Bier zu trinken, sagt er. Ich werde das Haus nicht mehr verlassen.

Du solltest dir einen Strohhut aufsetzen, sage ich.

Ach, du hast doch ’n Knall.

Nein, sage ich, das hilft.

Ich habe gar nicht die Kleidung, die dazu passt, sagt er.

Ich hab nichts anzuziehen, sage ich im femininen Ton. Was fehlt dir denn für Kleidung?

Eine Leinenjacke, sagt er.

Ja, gut, dann kauf dir eine.

Ich habe meinen Etat in diesem Monat schon überschritten.

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Das Rentnerehepaar Brandt schmachtet in seiner Wohnung unterm Dach. Herr Brandt, Bodo, ist mit Turnhemd und breiter Jogginghose mit Seitenstreifen bekleidet, Frau Brandt, Gretel, trägt Kittelschürze. Gegen die Hitze hilft das anscheinend nicht. Es ist bekannt, dass die Gretel den Bodo gerne triezt, der eigentlich alles schluckt. Jetzt aber setzt ihm nicht nur die Gattin, sondern auch die Hitze zu. Und er schreit. Hör auf! Ich halt das nicht mehr aus. Hör auf. Das Beunruhigende ist, dass man dann nichts von Gretel hört. Vielleicht lacht sie sich ins Fäustchen, dass sie es wieder mal geschafft hat. Vielleicht ist sie aber auch ohnmächtig oder so. Nachts um eins schreit Bodo abermals: Was ist denn jetzt schon wieder los! Mein Gott (warum hast du mich verlassen)!! Sieht so aus, als würde er auf dem Balkon schlafen, um seine Ruhe zu haben.

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Das Sommerbad Wuhlheide macht Kasse. 5,50 € Eintritt, und die Leute stehen Schlange. Die Jungs sitzen auf der einen Seite des Beckens, die Girls auf der anderen, auf dem Sprung, zwei gegnerische Parteien, die nichts lieber täten, als sich zu umarmen. Ab und zu fliegt einer per Arschbombe ins Wasser, man muss auffallen, Testosteron gesteuert, wie man nun mal ist. Viele russische Familien, viele schwangere Frauen und unsportliche Männer, viele schwere Leiber. Neben mir Mutter, Großmutter und Sohn, 7 Jahre alt. Die Mutter ist dick, die Großmutter ist dick, der Junge ist dünn, aber sie rufen ihn Dicker, als müssten sie sich für etwas rächen, wofür er nichts kann. Mutter und Oma müssen erst mal „eene roochen”. Der Junge will ins Wasser, aber er soll sich erst mal „akklamatisieren“: Oder willste ’n Hitzschlag und tot sein? Ja, das kennen wir alle aus unserer Kindheit, die Alten können nicht anders, als vor Hitzschlag zu warnen, das Wasser mag noch so lau sein. Es dauert einige Zigarettenlängen, bis der Junge endlich ins Wasser darf. Putins Bruder ist auch im Becken und ein Bruder des Karlshorster Dokfilmregisseurs K., der versucht, sein edles weißes Haupthaar vor dem Wasser zu schützen. Er hält den Kopf wie eine bleierne Ente und bläst die Backen auf, was ihn nicht daran hindert, den jungen Mädchen verdeckte Blicke nachzuschicken.

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Auf Mallorca war es toll, sagt Deborah, meine Friseurin. Allerdings hat sie mit ihren Landsleuten ein Hühnchen zu rupfen. Warum rennen diese Engländer immer mit nacktem Oberkörper rum! Schrecklich.

Na ja, sage ich, weil sie schön strukturierte Muskeln haben.

Keinesfalls, ruft Deborah, im Gegenteil. Es gibt diese kotzhässliche Urlaubskleidung. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, so was zu Hause anzuziehen, aber im Urlaub finden sie das toll.

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In den Abendstunden setze ich mich in den Schatten und lese zum Beispiel in „Stoner” von John Williams (da klingt ein wenig Anton Reiser durch, was für ein trauriger Roman!) oder in Juri Lotmans Text-Theorien, denen ich kaum zu folgen vermag.

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Frau Dr. Hoffmann wirft ihre überflüssigen Zucchini unters Volk und sieht sich dabei als große Geberin. Man soll an die Bergpredigt denken. Der Schriftgelehrte ist nicht erbaut. Ihm schmeckt das neumoderne Zeug nicht, welches so üppig wächst. Das kann doch nichts sein.

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Wir kommen schon etwas früher, sagen die Elektriker. Jetzt ist es noch nicht so heiß.

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