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Kunst am grünen Knie der Spree

Neben den Wolken … © Andrea Doberenz

Neben den Wolken …
© Andrea Doberenz

Drei Straßenbahnstationen von hier bis Schöneweide, genauer Oberschöneweide, wo heute, Sonnabend, die „Kunst in Sicht” sein soll, das Art Festival 2014, 30 Ausstellungen, 100 offene Ateliers.

Spreehöfe Aufgang D

Spreehöfe Aufgang D

Schöneweide ist Rathenau-Land. Die Edison-, Siemens-, Zeppelin- und Watt-Straßen metern hier nur so. „Die Geschichte Oberschöneweides ist eng mit der Geschichte des AEG-Konzerns verbunden, dessen Ansiedlung die Entwicklung von Schöneweide zu einem Industrie- und Arbeiterbezirk begründete. Der Architekt und Designer Peter Behrens errichtete an der Wilhelminenhofstraße einige herausragende Industriebauten (NAG-Gebäude) für die AEG”, so steht es bei Wikipedia. Im Aufblühen wurde das Quartier Elektropolis genannt. In der DDR-Zeit arbeiteten die großen Kombinate KWO (Kabel) und TRO (Transformatoren), die nach der Wende schließen mussten. Volker Braun beschrieb das Schicksal der vier Werkzeugmacher, denen der Staat in den Arsch kroch und die ohne Arbeit plötzlich auch ihre Identität verloren („Die Geschichte hatte sie bis hierher glimpflich behandelt, wenn nicht erhoben; sie schien sie höchstpersönlich bevorzugt zu haben.”).

Heute entwickelt sich das Quartier zu einem Wissenschafts- und Technologiestandort. Sagt man so. Oder zu einem Kunststandort. Sagt man auch. Im Moment ist es schon ein Sixpack-Standort. Die ihrer Identität beraubten Werkzeugmacher und Sonstige holen sich ihr Bier beim Discounter und trinken es inmitten der herausragenden Industriebauten von Peter Behrens.

Sibirien in Schöneweide

Sibirien in Schöneweide

Eine Menge Kohle ist in die Hand genommen worden, um Häuser zu sanieren und zu beleben. Kinos, Tanzstudios, Läden, Büros, Praxen zogen ein. Einiges Neue konnte sich nicht halten. Zum Beispiel ein Irish Pub, wenngleich der Wirt versprach, für die Sorgen und Nöte seiner Gäste immer ein offenes Ohr bereitzuhalten.

Man spricht von 250 Künstlern, die in Schöneweide leben oder in den leeren Räumen günstige Ateliers mieten konnten. Deshalb ist eine Aktion wie „Kunst in Sicht” am Spreeknie am richtigen Platz. Und schon sind wir mittendrin: „Die Skulpturen von Jáchym Fleig assoziieren Tierbauten oder parasitäre Strukturen in Verbindung mit Raum und Ding.” „Franziska Rutishauser verarbeitet Erscheinungen auf der Netzhaut als Gefüge mit verankerter Innenwelt.” Denn das ist ein offenes Geheimnis der modernen Kunst. Der Künstler (oder sein Galerist) muss den Leuten sagen, was sie sehen. Sonst sehen sie nichts. Wichtiger als die Malerei ist die dazugehörige Theorie.

Das große Buch

Das große Buch

Die Kunst kann alles. Die Kunst erinnert. Die Kunst formt um. Die Kunst erfindet, was es nie gab. Adrian Palka hat eine Installation zum sibirischen Tagebuch seines Vaters hergestellt. Eine Holzhütte in der Taiga. Ein Schrein, in dem Birkenrinden, Schmetterlinge, Bilder, Zeilen funkeln. Dinge des Überlebens für den Geflohenen und Versteckten. „Play ’n Pray” heißt es bei Wolfram Spyra. Man kann sich in eine Kirchenbank knien, Kopfhörer aufsetzen und mit den Händen Geräusche erzeugen, die vielfach verstärkt als Sound an dein Ohr dringen. Das ist in den Spreehöfen. Station 10 des Events. Die Wilhelminenhofstraße lang zu den Rathenau-Hallen, der Zentralstation von Kunst in Sicht. Leere Hallen, aus denen die Arbeit schon vor langer Zeit geflohen ist. Wolkenbilder über dem Ufer der Spree, über Pappeln, Fabrikdächern, alten Laternen, rostigen Außentreppen.

Von Mensch zu Tier

Von Mensch zu Tier

Von der Empore in die leere Halle sehen, ein paar Schrifttafeln pflastern den Weg, ein paar scheinbar intakte Wagen könnten eine rote Straßenbahnballade anstimmen. Die Zeit ist immer knapp. Ohne die Namensschilder sind viele Kunststücke anonym, warum auch nicht. Das große Buch in einem fast sakralen Raum, der Mensch wirkt klein, wenn er zu lesen beginnt, die Seiten sind leer, aber erleuchtet. Das Projekt heißt Truth. Ein langer Fries: Matrosen aufgereiht in Rückansicht, ein langer Fries: Matrosen in Vorderansicht. Die Rücken sind geheimnisvoller. Eine Holzplastik zeigt einen unsicher-vagen Blick von Mensch zu Tier und von Tier zu Mensch. In einer unklaren violetten Landschaft eine verlorene Gestalt, die den grenzenlosen Raum aushält.

Einige Freitreppen hinauf zur Atelieretage G 59 und der Blick hinunter auf die Spree. Die Künstler in ihren Ateliers. Helle Räume, gefährdete Räume, denn die Mieten könnten demnächst für die meisten unbezahlbar werden. Die Künstler, die auf Interessenten warten, können ihre Hände nicht still halten. Sie arrangieren Bilder um, falten Obsttaschen aus Reispapier. Wieder begegnet uns die Verlorenheit, die vielleicht auch nur eine Versunkenheit ist. Ohne Titel. Kindheitserinnerung. Ein Mann an einem Instrument, das für ein Cello zu groß und für einen Bass zu klein ist. Daneben ein schlafendes Mädchen, gelb, angezogene Knie. Auf der Gegenseite ein Junge, der aus dem Fenster schaut. Das könnte ein Bild im Bild sein, vielleicht auch ein Spiegel. Der will eigentlich weg. Jeder ist für sich. Was heißt das schon. Was das heißt, muss ich selber wissen. Daneben wieder eine violette Landschaft, am Saum zwischen Himmel und Erde jemand in der großen Leere. Die Malerin ist Regina Nieke. Hängt nicht auch in der Zentralstation ein Bild von Ihnen? Ja. Das Motiv erkennt man sofort wieder. Ein gutes Zeichen in der Fülle der Kunstwerke. Da sind wir uns einig. Wichtig sind Themen, die uns nicht loslassen. Dieses Für-sich-sein in einer weiten Landschaft, die wir nie kennen werden.

Raum und Mensch

Raum und Mensch

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