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Der Glaube versetzt gar nichts mehr

Was??? Ich war Zähneputzen! Und jetzt steht es 5:0!!

So ungefähr war das in der unwirklichen Nacht vom Dienstag zum Mittwoch. Am Ende 7:1. Ein solches Halbfinale hat es noch nie gegeben. Brasilien spielte ohne seinen Superstar Neymar und glaubte, ohne ihn noch besser zu sein, weil nun alle anderen für ihn mitspielen und das Beste und Letzte aus sich herausholen würden. Jedoch. Die Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat und der Glaube Berge versetzen konnte, sind lange vorbei. Die Brasilianer sind die Größten der Welt, sie tragen fünf Sterne am Trikot für gewonnene Weltmeisterschaften, aber gestern mussten sie die Spanier beneiden, deren Absturz gegen die Niederlange mit 1:5 vergleichsweise glimpflich ausging. Sie mögen es geglaubt haben, aber niemand konnte auch nur annähernd die Rolle von Neymar Jr. übernehmen, und auch der naive Innenverteidiger Thiago Silva erwies sich als unersetzbar. Misstraut dem Glauben! Beargwöhnt die Emotionen! Quatscht euch nicht besoffen! Das perfekte Spiel gibt es nicht, aber die deutsche Mannschaft spielte schon ziemlich vollkommen. Sie war grandios in ihrer Sachlichkeit, in ihren Spielverlagerungen, in ihrer schnellen Entschlossenheit. Sie war – zum Glück – nicht genial. Dazu war sie viel zu besonnen, zu professionell. Als die Brasilianer nach der Halbzeitpause aufbegehrten, raubte Manuel Neuer ihnen mit seinem Stoizismus die letzte Zuversicht. Auf den Tribünen spielten sich Dramen ab, die Tränen flossen still oder impulsiv.

„Ein Gänsehautauftritt der deutschen Elf, aber auch Mitgefühl für die Brasilianer”, sagte der einfühlsame Bela Rethy, und dann warf er sich für den brasilianischen Stürmer Fred in die Bresche, der von den eigenen Fans gnadenlos ausgepfiffen wurde: „So ist das, wenn die Massen einen ausgucken.” Am liebsten hätte er wohl gesagt: der Mob.

Der unglückliche Fred, der als Ungerührter, als Unbeteiligter durch diese Weltmeisterschaft ging, der Mann, den die Bälle nie erreichten und der trotzdem wie ein zufriedener Friseurmeister aus der Vorstadt aussah: Der Laden läuft, meine Kunden bezahlen mich gut, ich kriege sogar Trinkgeld. Seine einzige Heldentat war ein Schwindel: der gegen Kroatien herausgeholte Elfmeter. Was auch immer Fred in seinem Fußballerleben geleistet haben mag, in dieser Weltmeisterschaft ist er überhaupt nicht angekommen. Dass Trainer Scolari ihn trotzdem immer wieder in die Startelf stellte, zeigt ein Problem dieses Mannes, dieser Mannschaft und dieses Landes. Man fühlt sich eins mit Gott und glaubt in seiner Selbstgefälligkeit die Realität überlisten zu können.

Mich würde interessieren, welche Gebete die brasilianischen Spieler am Ende in den Himmel geschickt haben: Verzeih uns, dass wir Deinen Auftrag nicht ausführen konnten. Wir sind nur schwache Menschen. War es das? Oder: Mein Gott, warum hast du uns verlassen? Was wolltest Du uns mit diesem Debakel sagen? Vielleicht beteten sie auch: Lieber Gott, danke. Danke, dass du uns – hoffentlich für immer – erlöst hast von unserem hochfahrenden Glauben an unsere Genialität und von unserer Gewissheit, dass Du immer auf unserer Seite stehen wirst.

Das wäre wohl das Beste.

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  1. Juli 9, 2014 um 8:44 pm

    Haha, mir ging es tatsächlich ähnlich. Ich war kurz auf Toilette und als ich wiederkam, stand es schon 3:0 😀

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