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Berlin Alexanderplatz (9): Volksredner und Alphörner

Auf dem Alexanderplatz werden Volksredner (rechts) noch immer bestaunt wie Außeridrische

Auf dem Alexanderplatz werden Volksredner (rechts) noch immer bestaunt wie Außeridrische

Der Regionalzug kommt. Ist ziemlich voll. Ich bin vornehm genug, Hans Blumenberg zu lesen und muss mich voll konzentrieren. „Die Sorge geht über den Fluss.” „Sigmund Freud”, lese ich gerade, „hat ganz zu Recht gesagt, wer nach dem Sinn des Lebens fragt, sei krank.” Das streiche ich mir an, auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich einverstanden bin. Berlin Alexanderplatz. Alberne Mädchen mit riesigen Gepäckstücken steigen aus dem Zug. Ein Mann mit Kap’teinsmütze wirft ihnen strenge Blicke nach. Und neben der Weltzeituhr haben wir schon wieder einen Kap’tein. Einen älteren Herren mit Schiffermütze, der eine Ansprache an die nicht vorhandenen Massen hält. Volksredner vor wenig Volk. Vor allem zweifelt er daran, dass jemand von den anwesenden jungen Leuten in den Genuss der Rente mit 63 kommen werde. Er verlangt die abschlagsfreie Rente mit 55 für die Frauen und mit 60 für die Männer. Das Geld sei vorhanden. Und er fragt auch, woher das Geld denn komme. Ich nehme an, er meint, dass die arbeitenden Menschen es erarbeitet haben und dass es ihnen auch zu gute kommen soll gefälligst. Er weiß auch, warum nur so wenige Leute ihm zuhören; das sei die Fußballweltmeisterschaft, an der er auch einiges auszusetzen hat, er weiß aber nicht mal, wer im Moment gerade spielt (Ich könnt’s ihm sagen: Australien – Spanien, Niederlande – Chile).

Hat die ein Horn. Da staunste, wat!

Hat die ein Horn. Da staunste, wat!

In seinem Verein, sagt er, könne jeder frei seine Meinung sagen, außer Faschisten. Ein Handvoll Leute hören ihm zu, kriegen aber nicht das Maul auf, und so muss er immer weiter reden wie der Fährmann im Märchen immer weiter übersetzen muss. Das ist ein Mann, der nicht nach dem Sinn des Lebens fragen muss, der hat ein Ziel vor den Augen. Nur die schrägen Töne eines Alphorns geben ihm ein wenig Background. (Wikipedia: Das Alphorn ist ein Blechblasinstrument auf dem Prinzip der Naturtrompete und gilt als ein Nationalsymbol der Schweiz und Österreichs. Auch in den bayerischen Alpen sind Alphörner verbreitet.) Das Alphorn ist riesig und schneeweiß und in der Mitte des Platzes platziert, eine junge Frau, die ausreichend Puste zu haben scheint, versucht sich gerade daran und wird bewundert und fotografiert. Sonst ist nicht viel los. Man kann sich ein Fahrrad mieten (Rent a Bike), Geld abheben, Geld spenden, alles was jung ist, trägt riesige bunte vergitterte Plastikbrillen, eine Pflastermalerin geht stumm ihrer Passion nach, die Leute kreuzen den Platz von Ost nach West und von West nach Ost sowie von Nord nach Süd und von Süd nach Nord. Wo die einen herkommen, da müssen die anderen noch hin. So ist das im Leben. Kameraden. Ich tauche ab, in den Untergrund, zur U 2. Auf mich wartet noch eine Geburtstagsfeier beim Griechen. Endlich wieder Retsina trinken.

 

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