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Mutter Sorge, Sohn Traumtänzer

Familien vorm Kino

Familien vorm Kino

Der Film dauert zwei Stunden und 45 Minuten, sagt der Kartenverkäufer, ein Teilzeitsadist, außerdem wird uns plötzlich bewusst, dass Richard Linklater auch der Regisseur der „Before”-Filme ist, von denen wir einen gesehen haben, der uns ziemlich genervt hat. Aber schon mit den ersten Einstellungen verfliegen die Ängste: Der Film hat eine schöne Erzählhaltung, ein gutes Timing und er teilt uns das Allernormalste einer Kindheit und Jugend mit, wie wir es noch nicht gesehen haben. Mutter okay, Vater okay, und doch ist das Zusammenleben zwischen ihnen nicht möglich, dafür gibt es Irrwege und Fallen, und doch bleibt das Leben von Mason Junior (Ellar Coltrane) letztlich unter Kontrolle.

Der Vater (Ethan Hawke) verliert Mason und seine ältere Schwester Samantha (Lorelei Linklater) nie aus den Augen, auch wenn er für Jahre in Alaska oder sonstwo unterwegs ist. Eines Tages steht er vor der Tür und findet schon beim ersten Versuch den richtigen Ton. Ist es so, dass ihr keine Geschenke mögt? Wenn die Kinder maulfaul sind, stoppt er das Auto und macht ihnen vor, was sie alles zu sagen haben könnten. Und sie zeigen ihm, dass auch er, der Vater, einiges zu erzählen hätte, nicht nur abzufragen hat. Ist schon klar, dass dieser kreative Kommunikator und begabte Musiker, der nie richtig lernen wollte, wie Geld zu verdienen ist, der Mutter mit seiner Leichtherzigkeit auf die Nerven gehen musste, dieser Mutter (Patricia Arquette), die die Familie ständig vom Untergang bedroht sieht und dem Untergang jederzeit mit viel Energie die Stirn bietet.

Boyhood OmU

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Linklater hat etwas gemacht, was sonst nur in Dokumentarfilmen vorkommt. Er hat eine Langzeitstudie gedreht. Der Junge ist am Anfang des Films 7, am Ende 18. Auch die anderen Akteure sind dabeigeblieben und um zwölf Jahre und 39 Drehtage (mehr nicht) älter geworden. Für die schlimmsten Ereignisse im Film sorgen die Stiefväter von Samantha und Mason. Anscheinend ist es der besorgten Frau oder sagen wir doch gleich der Mutter Sorge nicht beschieden, den Mann zu finden, der zu ihr und ihren Kindern passt. Sie hat ihre Chance gehabt. Das war Mason sen. Diese Chance konnte sie nicht nutzen, wie er nicht die seine, aber für ihn ist es leichter, wieder eine Frau zu finden; er ist so offen, so arglos. Die saufenden, neurotischen Stiefväter sind die einzige tödliche, weil irrationale Gefahr für die Familie, die könnten wirklichen ihren Untergang bedeuten. Aber Mutter Sorge, hier heißt sie Olivia, ist in der Lage, das Ende mit Schrecken herbeizuführen. Eine Frau, sagt Mason sen. zu Mason jun., wird nie zufrieden sein mit dir, du musst auf dich selbst vertrauen.

Ich mag meine Mutter auch, erwidert der junge Mason seiner ersten Liebe, aber im Grunde ist sie genauso verwirrt wie ich. Als nach Samantha auch Mason das Haus verlassen hat und aufs College geht, bricht Olivia in Tränen aus. Ihr Leben scheint zu Ende zu sein.

Mason. Das träumende Kind, das sich als junger Erwachsener von seiner Schwester fragen lassen muss, warum er so eine Schlaftablette ist. Dieses Bürschchen umgibt sich mit einer Aura der Ruhe, die einen schon auf die Palme bringen kann. Seine Family, seine Freunde und den Zuschauer. Deshalb ist es eine sensationelle Aussage, wenn er sich selbst für verwirrt erklärt. Er will aus der Reihe tanzen, dem Gewöhnlichen entrinnen, das Besondere, einzig Richtige tun, und er tut dies im Stil eines Traumtänzers. Immerhin finden sich Leute, die ihn aufwecken, ihm einfache, wertvolle Wahrheiten mit auf den Weg geben. Es müssen ja nicht unbedingt die mit seinem Namen geprägte Bibel und das Jagdgewehr sein, die er von seinen Schwiegergroßeltern erhält, der neuen Familie von Mason sen.

Linklater erzählt, dass die Liebe wohl eher nach dem Muster „Gleich und gleich gesellt sich gern” funktioniert als nach der Regel „Gegensätze ziehen sich an”. Am Ende kann man sagen: Der Regisseur hat die richtige Idee gehabt, dem Leben und seinen Darstellern vertraut. Der Film bereichert uns auf jeden Fall.

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