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Strangers on the Shore

Allein auf der Welt Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Allein auf der Welt
Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Zuerst waren wir in Howth. Von Conolly Station ein paar Halts mit der Dart, der Dubliner Stadtbahn. Am Ziel teilt sich die Schlange der Passagiere. Die einen geben ihre Fahrscheine in die Sperrautomaten ein, die anderen verlassen den Bahnhof durch die irgendwie doch vorhandene Lücke. Linkerhand kleine Häuser mit Fischrestaurants, ein Anglercenter, ein Touristenzentrum mit einer ich sag mal Kunstausstellung.

Auf rostigen Schiffen sind wir gefahren

Auf rostigen Schiffen sind wir gefahren

Rechts liegen zum Teil recht rostige Schiffe mit einem Gewirr bunter Netze vor Anker. Möwen auf allen Masten. Der Geruch von Meer, Fisch und Tang. Am Ende der Straße die Mole, aus schweren Steinen stufenförmig gemauert, da sitzen Familien und fotografieren ihre Kinder.

Fressen oder gefressen werden

Fressen oder gefressen werden

Ein Angler, der seine Angel aus dem Wasser zieht und wieder auswirft. Der muss schon sehr geschickt sein, wenn der Angelhaken sich nicht in einem der sich sonnenden Menschen verfangen soll. Und das ist er auch. Geschickt genug, einen Fisch zu fangen, ist er allerdings nicht. Wann habe ich jemals gesehen, dass ein Angler wirklich einen Fisch fing. Und trotzdem angelt, angelt und angelt er. Eine Metapher fürs Leben, zweifellos.

Der kleinste denkbare Hafen, so scheint es. Die Zeit bleibt stehen, zumindest verlangsamt sie ihren Takt. Die Leute halten ihre Gesichter in die Sonne und den Mund. Unwillkürlich drängt sich Tom Waits in mein Gemüt und singt Lost in the Harbour. Warum diese Schwermut. Berechtigt ist sie auf jeden Fall. Geht das? Gleichzeitig schwermütig und glücklich zu sein?

Wenig Fisch, viel Geduld

Wenig Fisch, viel Geduld

Der Blick aufs Lighthouse, der Wall aus Gesteinsbrocken gegen die Naturgewalten. Auf der anderen Seite der Hafenstadt die grünen Hügel Irlands. Die Zunge flattert minutenlang vor der Schnauze eines weißgelben Spitz. Ein Kind mit einem roten Ballon, versunken ins Spiel, als wäre es allein auf der Welt. Zwei Fischer sortieren so schnell wie Aschenputtel die gerade gefangenen Sprotten. Das wimmelt nur so unter ihren Händen. Eine Gruppe Radsportler streckt die müden Glieder aus. Fünf goldene Ringe, das Büro der Olympischen Gesellschaft.

Ebbe in Sandymount

Ebbe in Sandymount

Auf dem Rückweg fahren wir kurzentschlossen über Conolly Station hinaus nach Sandymount. Wir haben nun keine gültigen Fahrscheine mehr, müssen die Sperrautomaten meiden. Die Lücke gibt es auch hier, man muss nur hinter den Kindern hergehen. Am Strand von Sandymount spielen die Proteus- und die Nausikaa-Episode von James Joyce’ „Ulysses”. Aber wir finden den verdammten Strand nicht. Wir finden nur eine breite Straße mit vornehmen Clubs, einem Four Seasons Hotel, Stiftungen, Sanatorien, einem Stadion, in dem Rugby und Kricket gespielt wird, nur ein bis zwei Mal im Jahr Fußball, sagt der freundliche Hundehalter, der uns den Weg zeigt. Keine Läden, keine Pubs. Gesellschaft, die unter sich sein will.

 

Angekommen

Angekommen

Der richtige Weg führt uns ins freundliche Sandymount. Jeder zweite trägt hier das Sweatshirt der Bank of Ireland. Wir sind zwar Strangers on the Shore, aber es ist irgendwie klar, dass wir gegrüßt werden und zurückgrüßen. Im Café scheinen Familien an mehreren Tischen irgendeine Weihe ihrer Kinder zu feiern, die Jungs tragen Anzüge und sind so gut frisiert wie Macauley Culkin, die Mädchen weiße Kleider wie kleine Bräute. Ein Mädchen am Nebentisch hat ein Gesicht wie Oskar Matzerath, ein seltsam altes Kindergesicht. Ein junger Kandidat betritt den Raum. Wir nennen ihn so, weil er beim besten Friseur der Stadt war, einen perfekt sitzenden Anzug trägt, sehr aufrecht geht und seine Freundin ausführt. Ein Junge mit besten Aussichten.

Und endlich sind wir am Strand. Das Meer hat sich weit zurückgezogen. Die Industrie ist da, aber schweigt. Ein rauhes Ufer. „Die drei Freundinnen saßen auf den Felsen und freuten sich der Abendstimmung und der Luft, die frisch war, doch nicht zu fröstlig. Gar oft und manches Mal drängte es sie, dort hinaus zu kommen, zu ihrem Lieblingswinkel, und ein gemütliches Schwätzchen zu halten neben den funkelnden Wellen und weibliche Dinge zu bereden …”, heißt es im Ulysses unerwartet konventionell. Hier saß Leopold Bloom in der Dämmerung und erfreute sich am Anblick von Gerty MacDowell derart, dass es seinerzeit für ein Verbot des Romans im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und Prüderien ausreichte. Alte Paare in weißen Hosen. Junge Paare hinterm Windschutz. Familienszenen, Kinderwagen. Fahrräder, Roller. Schornsteine, Kräne, Silos, Fabriktürme, alles wie erstarrt in der Maisonne dieses Samstags. Wir haben das Gefühl, dass wir hier leben könnten. Das ist beruhigend. Vor dem Pub haben sich die Leute versammelt, stehend, sitzend oder auch tanzend; die Stadt ist beieinander.

An diesem netten Bullen kommst du nicht vorbei

An diesem netten Bullen kommst du nicht vorbei

Die Dart spuckt die Rugbyfans aus. Ein martialisch aussehender Polizist versperrt die Lücke. Sie müssen alle durch die Sperre. In der Bahn vergnügt sich eine Jungenbande damit, Furzgeräusche zu imitieren. Ihre Versuche werden immer wütender, je weniger sich jemand darüber aufregt.

Wir gehen hier tatsächlich durch die Straßen, durch die James Joyce gegangen ist und durch die er Leopold Bloom und seine Dubliner gehen ließ. Wir trinken unser Guinness in dem Pub, in dem er sein Guinness getrunken hat. Der Ulysses tritt aus der Buchstabenwelt heraus. Situationen werden vorstellbar. Bilder entstehen. Leopold Blooms Wege, Gestalten, Gesichter, die er sah, Gefühle, die er fühlte. Die Dunkelheit. Wir sind ja auch so lange unterwegs in der Stadt wie er.

Dublin North Earl Street

James Joyce in Dublin North Earl Street

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