Startseite > That’s my song > Peter Gabriel was here

Peter Gabriel was here

Wer zählt die Völker, nennt die Namen Fotis © Fritz-Jochen Kopka

Wer zählt die Völker, nennt die Namen
Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Bahnhof Friedrichstraße war ein Radfahrer zusammengeklappt, wahrscheinlich dehydriert. Wir sahen nur seine Beine, bis eine Feuerwehrcrew ihn auf die kompakte Krankentrage hob. Er war noch so jung, und wie er da so halb lag, halb saß, hatte sein Gesicht einen friedlichen Ausdruck angenommen, und in der Hand hielt er zu unserer Beruhigung eine Wasserflasche. Die Feuerwehmänner trugen ihn fort. Sein Freund versuchte, die beiden bunten Fahrräder zu bergen.

Mit vier Kindl bist du dabei

Mit vier Kindl bist du dabei

Wenn man zur Waldbühne will, steigt man besser Pichelsberg aus, nicht Olympiastadion. Auf dem Weg begegneten uns Leute, die noch Karten suchten, als auch solche, die Karten verkauften. Ein Kavalier kaufte seiner Lady schon mal vorab ein Piccolöchen. Ein Radfahrer war in Doppelfunktion dabei. Er sammelte leere Flaschen, suchte aber auch noch eine Eintrittskarte für Peter Gabriel und sein letztes Konzert der Back to Front: So Anniversary-Tour. Ein Mädchen hielt ein Schild hoch. Auf dem Schild stand: Suche Freikarte, und ich sah wieder mal so harmlos aus, dass die Security nicht mal in meinen Rucksack schauen wollte. Wo ist der Mensch bereit, 4 € für 0,4 l Kindl Bier zu bezahlen? Doch nur in der Waldbühne. Die Waldbühne bei schönem Wetter ist eine Klasse für sich, ein Riesenpicknick unter 20 000 Leuten, und am Ende gibt’s dann auch noch ein Spitzenkonzert. Ich wundere mich nur, dass kein Mensch diese steilen Treppen runterrasselt, aber die sind in der Tat so besorgniserregend abgründig, dass jeder Gast alarmiert ist, und Kinder und Besoffene passiert sowieso nüscht, sagt der Volksmund, ich weiß nicht, ob’s stimmt. Mir ist schon mal was passiert.

Jennie, oh, Jennie

Jennie, oh, Jennie

Wir hatten Glück oder Pech. Vor uns saß ein Paar, das gemeinsam eine merkwürdig aussehende Zigarette rauchte, aber trotzdem nicht in Stimmung kam. Ganz im Gegensatz zu dem Mann hinter uns, der laut und lachend unentwegt den Eindruck zu vermitteln suchte, dass er mit Peter Gabriel schon etliche Male Schweine gehütet hatte. Für seinen erwachsenen Sohn stellte er sich als warmherziger Lebensweiser dar, muss nicht immer Liebe sein, zwischen Mann und Frau, kann auch Freundschaft sein, Nähe, zusammen essen gehen. Er werde demnächst nach Thailand fliegen, wo sein Geld noch was wert sei. Das gibt mir eine Sicherheit, die ich noch nicht kannte. Dann wandte er sich an sein Umfeld und erläuterte in Bezug auf Peter Gabriel: Wir sind zusammen alt geworden.

Peter Gabriel stand plötzlich auf der Bühne und sagte den Support Act an. Jennie Abrahamson und Linnea Olsson, zwei junge Schwedinnen, am Anfang ihrer Laufbahn, und Gabriel mit 64 ein Mann, der sich nicht verstellt, wenig Haar, weißer Bart, rundlich. Die Schwedinnen gaben eine intensive, melancholische Visitenkarte ab, Stimme Stimme, Cello, Xylophon, mal eine Vorband, die absolut nicht überflüssig war. Als Peter Gabriel wieder die Bühne betrat, setzte er die Zuschauer davon in Kenntnis, was er vorhatte. Ein Konzert in drei Teilen wie ein Menü aus Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch.

Heaven over Peter

Heaven over Peter

Am Anfang handgemachte Musik im Experimentierstadium, dann der eher elektronische Teil und schließlich das wiederbelebte Jubiläumsalbum So. Sein Intimus hinter uns kannte natürlich alle Songs und alle Interna und einmal schrie er aus Leibeskräften: Ich liebe dich, Peter, aber dann begab er sich zu den Imbissständen, um Bier und Nahrung zu holen, wie ja das ganze Konzert über die Karawane hinauf zu den Ständen und wieder hinunter zu den Plätzen nie abriss. Das ist Waldbühne. Das Geschehen auf der Bühne wurde auf zwei Projektionswänden videokünstlerisch aufbereitet, es gab Power, es gab Trauer, Family Snapshots, Secret Worlds, Mercy Streets, Red Rain, Sledgehammers. Schwarzweiße, rote, gelbe, violette, blaue und orangene Songs. Nachdenklichkeit und Trotz, als Gabriel und Jennie Abrahamson Don’t Give up sangen. Grandios. Ganz bestimmt. Dem Intimus fiel die Pizza aus dem Mund. Was kann man sagen gegen einen echten Enthusiasten.

Night falls

Night falls

  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: