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Wer denkt an Bernard Malamud

Die Ausgabe von 1970. Einbandentwurf Lothar Reher

Die Ausgabe von 1970. Einbandentwurf Lothar Reher

Ich habe an Malamud gedacht und ihn dann für den entscheidenden Moment seines 100. Geburtstags (korrekt seines 101.) wieder vergessen. Das war am 26. April. Dabei war er mir mal so nah wie kein anderer Schriftsteller. 1970 erschien sein Roman „Ein neues Leben” bei Volk und Welt, Lizenzausgabe von Kiepenheuer & Witsch für die DDR. Mich hatte gerade ein Unglück getroffen. Ich musste zur Armee, mit 26 Jahren, zwei Monate später und ich wäre ihnen entwischt. Anderthalb Jahre Grundwehrdienst. Kommt man da heil wieder raus? Ich lag auf dem oberen Doppelstockbett und las Malamud.

„Gegen Abend des letzten Sonntags im April 1950 entstieg S. Levin, ein früherer Trinker, nach einer langen und ermüdenden Reise quer durch den Kontinent dem Zug: er war in Marathon, Cascadia, angelangt.”

Kann ein Roman besser anfangen? Hier war ein Mann, dem ging es auch nicht besonders gut.

Am Bahnhof wartet die Frau, die Levins Schicksal werden soll, verheiratet, apart und – die Natur hat es so gewollt – busenlos, Pauline Gilley. Ihr Mann, Dr. Gerald Gilley, ist erschrocken über Levins Bart, einen Bart trägt sonst niemand an dieser kleinkarierten Provinzuniversität, an der Levin lehren und ein neues Leben beginnen möchte. Das Entscheidende am Eingangssatz war für mich die Einfügung „ein früherer Trinker”, als sei das ein Beruf, den man auch wieder aufgeben kann, wenn man will. S. Levin oder Sy oder Seymour ist ein Unglücksrabe, der sein Unglück bändigen kann, ein Dompteur des Unglücks, müde, einsam und zäh. Als Levin nach langer Enthaltsamkeit den Geschlechtsverkehr mit einer Kellnerin vollziehen will, dringt ein Rivale in den nächtlichen Kuhstall ein, wohin sich die Brünstigen verkrochen haben, und stiehlt Levins Kleidung. Levin scheitert in der Liebe, er scheitert im Beruf, und das Tragische ist, dass der ernste Mann dabei eine komische Figur macht.

„Ziellos fuhr er weiter und dachte traurig an die vielen Gelegenheiten, bei denen er versagt, an die vielen falschen Wege, die er eingeschlagen hatte, an die Vergeblichkeit seiner Reise; da, plötzlich witterte er den Geruch des Meeres.”

Am Ende kann das neue Leben doch beginnen: mit vielen Belastungen.

Bernard Malamud war ein Sohn russisch-jüdischer Einwanderer. 1914 in New York, Brooklyn, geboren, 1986 in Manhattan gestorben. Philip Roth versuchte, mit Malamud befreundet zu sein und war es dann auch auf eine schwierige Art. Er sagt, dass Malamud nicht wie ein Künstler, sondern wie ein Versicherungsangestellter aussah. Am stärksten verwunderte ihn, dass Malamud ohne jede Heiterkeit war, obwohl sich in seinen Büchern komische Stellen fanden. In fünfundzwanzig Jahren erzählte ihm Malamud ganze zwei Witze, jüdische Witze. Er hatte ein schweres Leben, „die Verlorenheit des Juden im Land der Christen” prägte ihn. „Ich achte den Menschen für alles, was er im Leben durchzumachen hat.” Selbst Roth hatte Schwierigkeiten, Malamud zu verstehen und zu beschreiben, er schrieb in der New York Review of Books einen Essay über seine Texte; das wäre dann um ein Haar das Ende ihrer Freundschaft gewesen. Als sie sich zuletzt sahen, litt Malamud an den Folgen eines Schlaganfalls. Er war deutlich geschwächt, nicht Herr über seine Körper- und Geisteskräfte, aber er wollte Roth die ersten Kapitel seines Romans vorlesen (was er nie vorher getan hatte), durch das Urteil des Kollegen Hoffnung schöpfen. Roth wollte seinen kranken Freund nicht anlügen, aber er konnte auch nicht die Wahrheit sagen, und so kam etwas heraus, das Malamud nur noch mehr leiden ließ.

In den siebziger Jahren erschienen die Bücher Malamuds in schneller Folge bei Volk und Welt. Aber den Verlag gibt es nicht mehr. Und Kiepenheuer & Witsch, Malamuds eigentlicher deutscher Verlag, hat seine Werke offensichtlich aus seinem Programm genommen. An seinen 100. Geburtstag hat sich, so weit ich sehen kann, niemand an ihn erinnert. Ein Schicksal, das Malamud vermutlich vorausgesehen hat und das ihn doch auch schmerzen würde, wüsste er davon. Weiß er?

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