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Tadeusz Rózewicz

Rózweicz. Die Handschrift. Aus „Gesichter und Masken”, Verlag Volk und Welt Berlin 1969

Rózewicz. Die Handschrift. Aus „Gesichter und Masken”, Verlag Volk und Welt Berlin 1969

Gestern starb in Wroclaw Tadeusz Rózewicz, ein Mann des Jahrgangs 1921. Aus seiner Jugend durch den Krieg vertrieben, kämpfte der mittlere von drei Söhnen eines Gerichtsangestellten als Partisan. Nach dem Krieg studierte er Kunstgeschichte und wurde Dichter, Dramatiker und Erzähler; sein Werk löste sich nie von den prägenden Eindrücken der verlorenen Jugend. Heinrich Olschowsky, sein deutscher Herausgeber, hatte „ein hageres Antlitz von grüblerischer Blässe” erwartet, als er Rózewicz zum ersten Mal traf. „Nun saß ich einem gedrungenen Mann gegenüber, von der Statur eines Boxers, der, mit Genuss essend, sich zwischendurch geschäftig mit dem Kellner besprach.”

An Rózewicz habe auch ich eine, wenn auch indirekte, persönliche Erinnerung. Die steht in einem Text, den ich über die Leipziger Studentenbühne schrieb:

Mein Leben als Schauspieler war kurz. Es dauerte zwei Voraufführungen. Ich war der Provinz, der Familie und der Druckerei „Vorwärts” entronnen. Ich lebte in Leipzig, studierte Journalistik und wusste, dass das ein Fehler war, alle hatten es mir gesagt, aber ich wusste auch, dass ich um diesen Fehler nicht herum kam.

Ich war der einzige Journalistikstudent, der zur Studentenbühne ging. Die anderen waren amusisch oder karrierebewusst. Die Studentenbühne war einer Journalistenkarriere nicht zuträglich, sie konnte bestenfalls weggeworfene Zeit sein. Ich wusste, dass ich hier keinen Fehler machte. Ich hatte „Unternehmen Ölzweig” gesehen. Eike Sturmhöfel, Helga Wagner, Bernhard Scheller. Das war im Keller an der Nikolaikirche, aber man fühlte sich, auch als Zuschauer, ziemlich weit oben.

Wir fuhren ins Probenlager, nach Raben im Fläming, wohnten und probten in einer stillgelegten Dorfkneipe. Am ersten Abend saßen wir im Saal auf Doppelstockbetten, die Neuen stellten sich vor, vier oder fünf waren Dichter, gaben als Talentprobe ein Gedicht zum Besten. Einer fiel als Talent sofort durch, zwei oder drei konnten sich halbwegs behaupten. Man war gnadenlos einerseits und andererseits euphorisch. (So lebten wir in den Zeiten der Stagnation.)

Leiter der Studentenbühne war damals Claus Wolf, dem die Allüren der Amateurschauspieler wie einem richtigen Intendanten leicht auf die Nerven gingen. Für die Kunst waren Sturmhöfel, Bernd Engel und Jürgen Hart zuständig. Das waren richtig gute Leute, und in dem Moment, wo ich das schreibe, werde ich inne, dass sie alle schon längst nicht mehr leben. Es ist wie in einem Stück von Tennessee Williams.

Wir probten was anderes. Ich weiß nicht, woher sie das Stück hatten. Henschel Bühnenvertrieb? Keine Ahnung. „Die Zeugen oder Unsere kleine Stabilisierung” von Tadeusz Rózewicz. Das kam zwar aus Polen, aber es bewies nur, dass man auch in unseren Ländern absurdes Theater schreiben und spielen konnte. Dementsprechend begeistert waren wir. Das Stück begann mit einem Gedicht, setzte sich fort mit einem Ehestreit und endete mit dem misslingenden Dialog zweier Männer, des Zweiten und des Dritten. Ich war der Rezitator des Gedichts, Helga Wagner die Rezitatorin. Die Dummheit nimmt Normalmaß an, schrie ich, und Helga Wagner sagte mit klirrender Kälte: Die Unendlichkeit ist kürzer als das Bein der Sophia Loren. Und dann: Liebe und Hass werden anspruchsloser.

Sagte auch Helga Wagner. Den Satz hätte ich gern gehabt. Ich bilde mir ein, wegen solcher Sätze auf der Welt zu sein. Das Gedicht, das wir sprachen, eiskalt und unvermittelt empfindsam, sagte, dass unsere kleine Stabilisierung vielleicht nur ein Traum sei. Gegen Ende konnte ich sagen: Aber so fest ich auch glaube, dass sich alles zum Guten fügt…

Es fügte sich nicht zum Guten. Es gab keine Premiere, sondern eine Voraufführung (in der damaligen Pfeffermühle), wir spielten das Stück nicht, wir stellten es zur Diskussion, so dass man es gar nicht offiziell zu verbieten brauchte. Es ging bei den Einwänden, glaube ich, um etwas, das damals Konvergenz genannt wurde. Bernd Engel, der das Stück inszeniert hatte, musste sich an der Theaterhochschule rechtfertigen. Ich habe ihn noch einmal gesehen. Er ging durch Leipzig wie ein Schlafwandler. Das war kurz vor dem Suizid. Jemand erzählte, Engel habe bei den Gesprächen, die man mit ihm führte, immer ein Stück Angelsehne in den Händen gehabt…

Es war die Zeit des 11. Plenums, und die Studentenbühne hat später, vieler, aber nicht aller Illusionen beraubt, auf kleinerer Flamme weiter gespielt. Vielleicht ist es das, worauf es ankommt.

Was uns damals, 1965, an Rózewicz’ Stück so fasziniert hat, könnte auch heute noch faszinieren. Wir mussten nicht positiv sein. Wir waren jung und konnten verschrobene, vermutlich gescheiterte Erwachsene spielen. Wir konnten uns in Zynismus üben, der empfindsame Seelen verdeckt. Es gab keine überflüssigen Wörter.

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