Startseite > Deutsche Grammatik > Zwillinge aus Sachsen und Bayern

Zwillinge aus Sachsen und Bayern

„Der Schatten des Fotografen” heißt ein ambitioniertes Buch von Helmut Lethen, der in Utrecht und Rostock lehrte und das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien leitet. Da muss man etwas anstrengen beim Lesen, find ich aber gut. Und dann stutze ich. „So prägten sich mir zum Beispiel auch die Kessler-Zwillinge aus der Verfilmung von Erich Kästners Das doppelte Lottchen ein …”, schreibt Lethen, und sogleich, dass er gar nicht wusste, „wen der beiden Kessler-Zwillinge ich mehr lieben sollte …” Ist ja charmant, aber hat sich da schon wieder etwas falsch in meiner Erinnerung festgesetzt? Das doppelten Lottchen? Die Kessler-Zwillinge? Nein, der Fehler liegt in dem Fall bei Helmut Lethen. Das doppelte Lottchen waren nicht Ellen und Alice Kessler, sondern Isa und Jutta Günther, und Helmut Lethen wusste als Jüngling nicht, in welchen der Günther-Zwillinge er sich verlieben sollte. Ich meine, ein solcher Fehler macht einen Text natürlich nicht wertlos. Ich staune manchmal, was einem alles so durchrutscht, man erlebt Momente geistiger Abwesenheit, und es wäre unfair, die (wie alles) immer nur aufs Alter zu schieben, das war schon immer so, und Fehler können sogar charmant sein, dieser mit den Zwillingen ist es auf jeden Fall. Die Kessler-Zwillinge sind Sächsinnen, was für das feine Ohr immer noch erkennbar ist. Ihre künstlerischen Ambitionen wurden in der DDR gefördert, dennoch gingen sie 1952 (da waren sie sechzehn) mit ihren Eltern in den Westen, wo ihnen die ungleich größere Karriere winkte. So weit ich weiß, sind sie bis ins hohe Alter als Tänzerinnen, Sängerinnen, Schauspielerinnen und Talkshowgäste aktiv. Die Günther-Zwillinge sind 1938 in München geboren, und sie waren es, die 1950 „Das doppelte Lottchen” spielten. Einmal wirkten sie sogar mit den Kessler-Zwillingen zusammen in dem Film „Vier Mädels aus der Wachau” mit. Mit zwanzig Jahren beendeten sie ihre Filmkarriere und begaben sich mit – vermutlich – braven Männern ins Privatleben. Da ist es fast zwangsläufig, dass man die Günther-Zwillinge in seinem Gedächtnis löscht und nur noch die Kesslers als exemplarische deutsche Show-Zwillinge übrigbleiben. Sachsen schlägt Bayern.

So ist das mit den Zwillingen aus Sachsen und Bayern. Nichts gegen den Autor, dem seine Erinnerung einen Streich spielte. Aber was ist mit dem Verlag, in diesem Fall Rowohlt Berlin? Werden Bücher nicht mehr lektoriert? Sind Verlage nur noch Briefkastenfirmen? Wie einfach wäre es gewesen, diesen Sachverhalt zu verifizieren.

Und andererseits. Ich habe gerade für ein Monatsjournal einen 10 000-Zeichen-Text geschrieben, an dem haben ein Dokumentarist und ein sogenannter Heftredakteur ein paar Tage lang rumgemurkst, damit auch ja keine Ungenauigkeit auf den edlen Seiten ihres Hefts das Licht der Welt erblickt.

Ich weiß im Moment, ehrlich gesagt, nicht, was mir lieber ist. Der Verlag, der nicht mehr lektoriert und einfach druckt, oder die Redaktion, die prüft und prüft und murkst und murkst. Gibt es denn, verdammt noch mal, nicht den ganz normalen Mittelweg?

  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: