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Das Prinzip Protest

Die Schals gereckt, die Hymne geschmettert. Und keiner, der auf Zäune klettert

Die Schals gereckt, die Hymne geschmettert. Und keiner, der auf Zäune klettert

Freitagabend Union Berlin gegen den 1. FC Köln, der so gut wie aufgestiegen ist, während Union so gut wie nicht aufgestiegen ist. Unser Boss verteilt die Tickets, seine beiden Söhne kaufen sich ein Bier, eins für zwei, und begeben sich in die Fankurve, fern vom Vater. Auf dem Weg selbstgezimmerte Kisten mit der Aufschrift: Leergut bitte hier ablegen. Vom Flaschensammler zum Millionär. Ein deutscher Mythos. Berlin, Berlin, wir scheißen auf Berlin, schreit der Kölner Fanblock. Wer nicht ordinär ist, ist auch kein Fan. Union hat in dieser Saison nichts mehr zu gewinnen und nichts mehr zu verlieren und legt los mit einer schon lange nicht mehr gesehenen Power. Sie sprinten nach aussichtslosen Bällen und ein in Stein gemeißelter Spielzug in drei Stationen bringt das 1:0. Zu früh, sagt unser Boss. Dann Elfmeter für FC Köln, der wahrlich nicht wie ein Tabellenführer und Aufsteiger spielt. Irgendwer hat irgendwen am Fuß getroffen. Unser Boss flippt aus. Es geht nicht mal gegen den Schiedsrichter, es geht gegen unseren Trainer, der faul auf seiner Bank sitzen bleibt, statt beim vierten Offiziellen zu protestieren und Terror zu machen. Der Trainer ist für unseren Boss empörend inaktiv, so wird man hier nicht die Atmosphäre heraufbeschwören können, in der Schiedsrichter Respekt vor der Heimmannschaft bekommen und den Gegner mit gelben und roten Karten Schachmatt setzen. Auch die Union-Spieler protestieren unserem Boss zu wenig, schüchtern den Gegner zu wenig mit Fouls ein. Union geht wieder in Führung, ach nee, Abseits. Kann schon sein. Unser Boss flippt trotzdem aus, das Umfeld spricht beruhigend auf ihn ein. Wir haben wieder was gelernt. Wir dachten, dass das Prinzip Protest höchstens ein Sidekick ist und nicht zum Fußball gehört. In der zweiten Halbzeit gehen den Unionern die Kräfte aus; das habe ich vorausgesehen, sie sind einfach zu viel gerannt. Köln macht das 2:1 und hat das Spiel im Griff. Mit dem Schlusspfiff macht unser Boss seinen Frieden mit dem Fußball, mit dem Trainer und der Welt, vermag das Spiel sachlich zu analysieren; ist ein ganz anderer Mensch als während des Matchs. Der Fußball ist voller Wunder und Wunderlichkeiten.

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