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Von den Alterswerken

Gegenüber von Schweden

Gegenüber von Schweden

Es sind die Alterswerke, die das Image geliebter und bevorzugter Autoren verderben. Jetzt geht es Lars Gustafsson so mit seinem Roman „Der Mann auf dem blauen Fahrrad”. Der alte Schwede, Jahrgang 1936, hat Fotos seines Vaters gefunden, 1923 aufgenommen, die, wie er findet, „das Gefühl einer fernen, noch nicht ganz wirklichen Welt” vermitteln. Gustafsson hat nun „eine spontane Erzählung aus der Tiefe der Bilder herausfließen lassen”. Das Statement geht haarscharf an der Wahrheit vorbei. Spontan wirkt da gar nichts, und aus den Bildern ist auch nichts herausgeflossen. Der Autor hat sich merklich abgemüht, aber es ist nichts Eigenständiges dabei herausgekommen, und so hat er sich seiner Routine bedient, unentwegt rhetorische Fragen gestellt, überflüssigen Sprachbombast eingefügt, Absonderlichkeiten vermerkt, die noch nicht einmal nebensächlich genannt werden können. Dabei geht Gustafsson mit großer Genauigkeit vor, es wimmelt nur so von regionalen und technischen Begriffen; aber das ist eine vorgeschobene Genauigkeit, die das Unpräzise der Geschichte und das leichtfertig Impressionistische, gewollt Sonderliche der Figuren auf nervende Weise konterkariert.

Es geht um eine versunkene Zeit und um eine noch versunkenere Zeit. Die Zeit, in der Janne Friberg als Vertreter auf dem blauen Fahrrad unterwegs ist, um das Haushaltsgerät Assistent der Marke Elektrolux Svenska Försäljningsaktiebolag zu verkaufen. Und jene Zeit, in der die alten Fotos entstanden, auf die Friberg in einem weißen Herrenhaus stößt. Versunkenheit, meint man, bringt fast schon allein Poesie in den Text. Beide Handlungsebenen werden durch einige Details, wie ein altes Uhrenetui, und durch Traumsequenzen miteinander verknüpft. Kunstgriffe eines alten Profis, mehr nicht.

Friberg ist ein liebenswerter Versager, der mit allen seinen Plänen gescheitert ist und von seiner Frau verachtet wird. Für ihn ist es besser, in einen Schlaf zu fallen und in der Vergangenheit zu leben neben Freifrauen und verschollenen Dichtern. Gustafsson hat den Fotos hinterhergeschrieben, das Unmögliche gelingt ihm nicht. Er kann sie nicht zu einer Geschichte vereinen. Und die Sprache verweigert sich ihm bei diesem vergeblichen Unterfangen auf die ihr eigene erhabene Art. Es ist ein ewiges Auf und Ab von Behauptung, Infragestellung, Verabsolutierung, Einschränkung, Vermutung, Relativierung. Volkstümliches Philosophieren ist angesagt, kokette Scherze in Richtung Alkohol und Erotik, und immer diese rhetorischen Fragen.

„… für einen Moment fragt er sich, ob etwas von alledem eigentlich sinnvoll ist. Könnte man nicht ebenso gut aus diesem langweiligen Schienenbus aussteigen, der am Anfang eines tristen Tages steht? Das wäre weder mehr noch weniger sinnvoll als das, was er sonst tun könnte. Ist das Leben sinnvoll? Ist das Leben der anderen auch sinnvoll?”

Das Buch ist der ehrenwerte misslungene Versuch, Heimat heraufzubeschwören, einen Ort und eine Zeit, von denen man sich leider und unkorrigierbar entfernt hat. Da liest der Leser lieber wieder die alten Bücher des geschätzten Autors, die nicht so unglücklich versunken sind.

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