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Schon vergessen

Über eine Nebenrolle kommt das Meer nicht hinaus

Über eine Nebenrolle kommt das Meer nicht hinaus

Am Tag danach kann ich mich an kaum noch etwas erinnern vom Kieler Tatort „Borowski und das Meer”, ich glaube auch schon ein Stunde danach war so gut wie alles weg, außer Axel Milberg und Sibel Kekilli, die Ermittler, echt signifikant, wie sie so nebeneinander hergehen, die beiden. Und der Auftragskiller im Neonaziformat, einer derart einschichtige Gestalt, dass man sich fragt, warum machen sie sowas, da in Kiel, so bieder können sie doch nicht sein … Trotzdem erinnert man sich an den Typ.

Was noch? Zweimal wird gesungen. Bei der Bordparty der prosperierenden Firma Marex singen die unsympathisch übermütigen Gäste „My Bonnie Is over the Ocean”. Geht’s noch? Geht’s noch alberner? Und die in der Falle sitzenden Ermittler stimmen, um sich zu trösten, an: „Froh zu sein bedarf es wenig”. Borowski meint, seine Kollegin Brandt könne nicht singen (er kann eben alles besser, aber ihm verzeiht man sowas, ihm, Borowski, oder ihm, Axel Milberg).

Ansonsten hat der Film sich an Unübersichtlichkeit selbst zu überbieten versucht. Am Ende ist man sich sicher, dass es sich nicht lohnt nachzuvollziehen, ob denn alles einigermaßen logisch aufging und ob da nicht hauptsächlich Nebelkerzen abgefeuert wurden. Deshalb bleibt auch nichts hängen. Borowski und das Meer – warum so ein Titel? Weil ein paar Unterwasserbilder gezeigt werden? Weil das Opfer ins Wasser fällt? Die Ermittlungsarbeit geht ins Leere, weil man von falschen Voraussetzungen ausgeht, denn: Der Tote ist nicht tot. Er ist nicht einmal verwundet, vielleicht verletzt, seelisch verletzt. Er glaubt, auf der falschen Seite zu stehen, nämlich auf der Seite eines mörderischen Kapitalismus, aber in Wirklichkeit will er sich nur in ein neues Leben an der Seite einer exotischen Frau flüchten. Lebenslügen. Den Killer-Nazi bringt Borowski mit einem Besenstiel zur Strecke, das ist ja noch ganz lustig.

Die Feuilletons meckern, dass es dem Film an Spannung fehle. Ach, Spannung. Das ist ja auch so ein Totschlagargument. Dieselben Leute finden es ganz spannend, wie sich ihre Kinder in der Kita machen. Ein Krimi kann auch mit anderen Elementen glänzen. Er sollte sich nur nicht darin erschöpfen, Verwirrung zu stiften und falsche Spuren zu legen; sollte schon mehr sein als ein Gesellschaftsspiel. Problematisch finde ich die Vorabrezensionen in den Feuilletons. Sie dürfen nichts verraten und können die Filme insofern auch nicht wirklich bewerten, denn die Täterprofile sind ein wichtiger Teil des Krimis, und wenn man die außer Acht lässt, sagt man nichts Wesentliches mehr. Manchmal hat man das Gefühl, dass der Tatort gerettet werden muss. Weil er sich zwangsläufig in immer denselben Mustern wiederholt und erschöpft. Bei einer solchen Rettung sollten auch die Kritiker mitwirken. Das kann nur sinnvoll sein, wenn sie den Film komplett bewerten: nach der Ausstrahlung. Nicht davor.

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