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Frühgeburt einer Meisterschaft

An einem frostigen Tag in Berlin wurden die Bayern Meister

An einem frostigen Tag in Berlin wurden die Bayern Meister. Sie haben es sich verdient.

Die Bayern sind Meister. Märzmeister. Schon wieder ein Rekord. So früh wurde noch kein Team der Bundesligageschichte Fußballmeister.

Die Spitzenteams der Bundesliga hatten sich längst darauf verständigt, den Kampf um die Deutsche Meisterschaft den Münchner Bayern zu überlassen. Dort vorne kämpften die Bayern mit sich selbst, was auch heißt, mit Mathias Sammer, sie siegten und entfernten sich immer weiter vom Hauptfeld. Dahinter kämpfen nun die Spitzenteams weiter um den Meistertitel des wirklichen Lebens. Da geht es toll zu. Spannend. Favoriten kriegen die Krise. Sacken ab. Jeder Abstiegskandidat kann den aussichtsreichsten Kandidaten ein Bein stellen. Die Schiedsrichter können unbelastet agieren. Manche Favoritenkrise will gar nicht wieder aufhören, eine andere Krise währt nur ein Spiel. Jeder kann voller Tragik und Stolz auf eine lange Verletztenliste verweisen. Ich sah die besten Beine meines Vereins von Rissen des Kreuzbands lahmgelegt und eingegipst … Wenn das Transferfenster offen ist, wird nachgerüstet. Oder die Jugend bekommt eine Chance und macht sich nicht schlecht … Bis zum nächsten Debakel.

Währenddessen versuchen die Medien, die zerrissene Liga wieder zusammenzuschreiben. Versuchen, Ausdrucksvarianten zu finden für die Überlegenheit der Abgehobenen.

„Bayern ohne Verfolger. Den Bayern gehen die Gegner aus. In ihrer eigenen Welt … ein Ende der Münchner Festspiele ist nicht in Sicht. Es geht auch ohne Tiki-Taka … Die unerschöpfliche Bandbreite des Bayern-Spiels illustriert Lahm, der in der Pose eines Mittelstürmers trifft. Seriöse Aufwärmübung. Müheloser Probelauf. Schockstarre der apathischen Angsthasen. Der FC Schalke wäre vermutlich gerne geflüchtet – und wird so zur leichten Beute für den FC Bayern. Bayern gnadenlos. Und nächste Woche schon März-Meister? Egal wer gerade fehlt – die Bayern gewinnen … die Münchner können scheinbar alles und jeden ersetzen.”

Und das kam vor drei Tagen: „Schaut auf dieses Spiel. Die große Kunst genießen. ” Der Hofberichterstatter Horeni (FAZ) ist vom Hofe Löw mit fliegenden Fahnen zu Pep Guardiola übergelaufen. Nie zuvor habe die Bundesliga in fünfzig Jahren etwas erleben dürfen wie den Guardiola-Fußball: „ … so leicht und präzise, so verspielt und zielstrebig, so ausgeklügelt und improvisierend … So nah … ist der Fußball hierzulande der Kunst nie gekommen”.

Offensichtlich glaubt Horeni, dass Kunst etwas besonders Faszinierendes, Verwirrendes, Effektives, herausragend Schönes sei. Wo das Leben mit seinen normalen Maßstäben aufhört, fängt die Kunst an. Das ist Quatsch. Kunst ist nicht Erhöhung von Leben, Kunst ist eher Verarbeitung, Sinngebung, geht in die tiefsten Tiefen, kann dreckig sein, Kunst ist die Fähigkeit, für alles Geschichten, Bilder und Töne zu finden. Und so stellt Horenis Gefühlsausbruch nur einen weiteren gescheiterten Versuch dar, hymnische Worte für die Teilung der Bundesliga zu finden. Und eine Beschwerde darüber, dass Medien und Interessenten unfähig sind, funkelnde Formulierungen für die unanfechtbare Qualität der Bayern zu finden, um stattdessen ihr Mitgefühl mit den Unterlegenen zu thematisieren. Die Überlegenheit der Bayern stellt die Journaille vor unlösbare Probleme: Sie vermag nicht Schritt zu halten mit dem Niveau des Bayern-Fußballs. Sie arbeitet eher mit der Qualität der Abstiegskandidaten. Kampf und Krampf, kein Glanz. Horeni meint, dass er uns einen Weg gezeigt hat, wie man die Bayern angemessen feiern kann. Seht, was sie machen, als Kunst! Greift in die Instrumentenkiste der Kunstkritiker, wenn ihr den Fußball der Bayern bewertet!

Aber Kunst ist, wie gesagt, etwas ganz anderes.

Die Geschichte ist  unvollständig, wenn nicht miterzählt wird, dass der Macher des Bayern-Erfolgs, der Spieler, Manager und Präsident, seine Omnipotenz und seinen Hochmut mit einer Gefängnisstrafe bezahlt. Siebter Himmel und Vorhölle. Das Leben verstehen, den Erfolg verstehen, Uli Hoeneß verstehen. Verstehen, wie das alles zusammenpassen soll. Wer kriegt das hin?

 

 

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