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Lob der Scheinantworten

„Der Wein ist harntreibendund kräftigt Magen und Darm.” Kupfer aus Diderots Großer Enzyklpädie

Der Wein ist harntreibend und kräftigt Magen und Darm.”
Kupfer aus Diderots Großer Enzyklpädie

Alle Welt sei sich darüber einig, schrieb Victor Klemperer, „dass Diderot keinen Roman zu komponieren vermag”. Und: Jacques le Fataliste könne man „nicht einmal als Romanparodie oder als ein lockeres Bündel verschiedener Erzählungen und Reflexionen bezeichnen; denn alles ist völlig ineinander gefilzt, immer wieder wird man durch neue Einfälle von einem Thema, einem Gedankengang, einem Gefühl abgelenkt”. Wie man sich doch täuschen, oder nein: Wie man doch unterschiedlicher Ansicht sein kann: Für viele fängt mit „Jacques der Fatalist” (oder„Jakob und sein Herr”) und mit Lawrence Sterne (von dem Diderot sich inspirieren ließ) der Roman erst richtig an. Und zwar gerade durch das, was Klemperer so moniert: Dass hier ein Erzähler als Vermittler zwischen Stoff und Leser in Aktion tritt, der alle Fäden in der Hand hält, mit den Geschichten und dem Leser spielt, an den spannendsten Stellen einer Geschichte abbricht, um eine andere Geschichte dazwischen zu schießen und irgendwann mit der ersten Geschichte fortzufahren und wieder zu unterbrechen. Der Roman, das kommunikative Genre an sich. Wer sich darauf einlassen kann, spielt das Spiel gerne mit, er weiß ja, dass er nicht das pure Leben erzählt bekommt, sondern dass er Opfer und Komplize des Erzählers ist, der ihn öfter mal direkt anspricht und zum Mitdenken auffordert. Man könnte sagen: ein früher Brecht, dieser Diderot, sehr geistreich und charmant.

Gefochten wird häufig in diesem Roman

Gefochten wird häufig in diesem Roman

Natürlich interessiert mich an Jacques, dem Fatalisten, zuerst sein Fatalismus. Der äußert sich gleich im ersten Absatz: „Weiß man je, wohin man will?” – Was sprachen sie? – Der Herr kein Wort; aber Jakob: sein Hauptmann habe gesagt, alles, was uns hienieden Gutes oder Böses begegne, steht dort oben geschrieben.”

„Steht dort oben geschrieben.” „Euer Wunsch ändert keinen Pfifferling daran, es wird kommen, wie es da oben geschrieben steht.” „Sehen Sie nun wohl Herr, dass niemand wissen kann, was dort oben geschrieben steht?”

Immer wieder fallen diese Worte. Und damit ist sicher kein göttliches Wesen gemeint (Diderot erschöpfte sich fast in seinem Atheismus), eher sowas wie eine nicht näher definierte Vorsehung oder das Schicksal, meinetwegen Determinismus. Zur Religion sprach Diderot im Bild: Wer nicht gehen kann, braucht einen Stock.

Also ist Jakob, dem Knecht, ziemlich gleichgültig, von wem das Geschriebene dort oben stammt: „du, der du das große Buch gemacht hast, du, wer du auch bist, der du alles das schriebst, was dort oben geschrieben steht! Du wusstest von Anbeginn her, was mir gut ist; dein Wille geschehe! Amen!”. Er setzt die Vorbestimmung einfach voraus. Was hat er davon? Man sieht es, wenn man die Mentalitäten Jakobs und seines Herrn vergleicht, der auf die Willensfreiheit setzt. Jakob führt das bei weitem weisere, pragmatischere Leben. Der Glaube an die Vorbestimmung vermindert die Schwere aller Entscheidungen, die er trifft, verhilft ihm auch, eine Scheinantwort zu finden in allen Fragen, wo es eine befriedigende Antwort sowieso nicht geben kann. Jakob hat die wesentlich glattere Stirn.

„Der Roman … handelt von Freiheit und Vorherbestimmung im Gange des Erzählens”, schreibt Horst Günther im Nachwort dieser ausgemacht schönen Ausgabe aus der Anderen Bibliothek, die auf die Erstausgabe der deutschen Übersetzung von Wilhelm Chirsthelf Siegmund Mylius aus dem Jahr 1792 zurückgreift. Auch die wirkt erstaunlich frisch.

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