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Ein Märchen aus uralten Zeiten

Street Art nach dem Kino Berlin Dircksenstraße

Street Art nach dem Kino Berlin Dircksenstraße

Kino Hackesche Höfe, das heißt, Originalsprache mit Untertiteln OmU, heißt auch, die vielen, vielen Treppen rauf, um dann, auf dem letzten Treppenabsatz als Horrorvision die lange Schlange vor der Kasse zu sehen, die sich über den ganzen Korridor hinzieht. Da stehen dann auch wir und beobachten den Stimmungsumschwung der Leute, die nach uns kommen, wenn sie um die Ecke biegen und plötzlich die Schlange sehen. Erinnerungen an den Kinderfilm sonntags um eins werden wieder wach, das Gedränge und Geschiebe, die 25 Pfennig Eintritt in der Hand umklammert. Nun gut. Es sind noch nicht mal so viele Leute. Sie haben im Höfe-Kino halt öfter mal Probleme mit ihrem System, also den Computern, für jede Karte muss eine Eingabe gemacht werden und ein Ausdruck, und das System stellt sich noch doofer an, als es aussieht. Der Saal ist dann keineswegs krachend voll. Vor uns ein Pärchen, das zum Umschlingen neigt, rechter Hand eine Gruppe Muttersprachler, die Gemeinschaftslachen zeigen wollen, dass sie mehr verstehen als alle anderen. Natürlich immer mal wieder Nachzügler aus der Schlange den Saal, die sich umständlich ihrer Mäntel und Jacken entledigen und Unruhe verbreiten.

Wes Anderson trägt die Geschichte wie gewohnt durch einen Erzähler an uns heran. Das ist Zero, der einst als Lobby Boy im Grand Budapest Hotel anfing und nun im Alter Besitzer des inzwischen maroden Gebäudes ist. In der Geschichte geht es um den Concierge des Hotels, Monsieur Gustave H. (Ralph Fiennes), einen gnadenlos vornehmen Mann, hochcharmant, verstockt. Weder Zero noch Gustave werden uns wirklich ans Herz gelegt, sie sind wohl auch für Wes Anderson eher fremde Gestalten geblieben, Menschen, wie sie ihm in Stefan Zweigs „Die Welt von gestern”  begegneten und die ihn sonderbar berührten, ohne dass er sie voll ausdeuten konnte, ihn faszinierte halt ihre Sonderbarkeit wie auch die Sonderbarkeit des alten Europa, das Aristokratische nicht nur der Aristokraten, sondern auch ihrer Angestellten, das Unpraktische, Weltfremde, das allerdings immer eine Tür offenhält für den Ausbruch der Gewalt.

Dem Film ging eine Ortsbesichtigung in Sachsen voraus, wo „so viel Vergangenheit sichtbar ist”, wie Anderson im Gespräch mit dem SZ-Magazin sagte. „Am interessantesten war eigentlich, wie viel sich nicht verändert hat.” Wir sahen eine locker aus dem Handgelenk geschüttelte Abenteuergeschichte, akribisch aufbereitet, eine Geschichte, die dann doch zeigt, dass die Vergangenheit, auch wenn sie noch einige Reservate besetzt hält, nicht nur vergangen, sondern auch ein Märchen ist. Von Stefan Zweig und Wes Anderson, nicht von Jacob und Wilhelm Grimm. Kurz und gut. Der Film erreichte uns nicht, auch wenn er sich in einem turbulenten Finale kurzweiliger gab, als er eigentlich war.

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