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Berlin Alexanderplatz (8): Der Wolkenkratzer kommt

Electrobeats from Berlin

Wo man drummt, da lass dich ruhig nieder/Meine Ohren sind da gar nicht bieder

Ich habe noch Fahrkarten im Mantel, nehme die S-Bahn, lese Bartschs Buch seiner Jugend irgendwo in Brandenburg, Sex, Schmöker und ein Kindermörder. Zwischen Alex und Friedrichstraße ist wegen eines Feuerwehreinsatzes kein S-Bahn-Verkehr. Deshalb irren die Touristen durch die Stadtschaft. Den Berliner kratzt das nicht mehr. Auf dem Alex trommeln ein farbiger Kubaner und ein weißer Chilene, beide mit Kopftuchzwang, sie haben zwei mächtige Schlagzeuge aufgebaut. Electrobeats from Berlin. Auf die kalten Steine davor hat sich ein Heimatloser gelegt, direkt neben dem Lärm, und versucht, mit Hilfe einer Flasche Eiskorn wieder nüchtern zu werden. Seine Haare sind schwarz, vielleicht sogar gefärbt. Hose und Jacke, beide blau, sind in einem ordentlichen Zustand, vielleicht gerade bei der Sozialhilfe ergattert. Turnschuhe der Marke Fila, das wird auch nichts mehr. Jemand rennt. Jemand mit schwerem Gepäck befragt sein Smartphone. Ein feiner Pinkel nagt mit Widerwillen an einer Thüringer Rostbratwurst. Ein alter Herr verschüttet seinen Kaffee. Müde Touristen stecken ihre geschwollenen Beine unter die Holztische. Eine unscheinbare Frau wirft einen Euro in die Büchse der Trommler, der Chilene nickt. Ein Mann hat seinen Mantel geöffnet und protzt im weißen Hemd mit seinem Bauch, ganz stolz darauf, dass sich seine Hose noch ohne Hosenträger hält, wenn sie auch schon ziemlich weit herunter hängt vorne. Seine Schritte sind so klein, so klein, seine Schweißtropfen so groß.

Der Brunnen, den wir Nuttenbrosche nennen/Der lädt nicht grade ein zum Träumen und zum Pennen

Der Brunnen, den wir Nuttenbrosche nennen/Der lädt nicht grade ein zum Träumen und zum Pennen

Auf der Steinbank sitzt ein Paar in deutlicher Distanz in sich versunken, ein paar Meter vor ihnen ein Seifenblasenmacher, der sein Geschäft genauso wenig beherrscht wie der weiß geschminkte Jongleur am Womacka-Brunnen, den wir Nuttenbrosche nennen. Die Äste der mageren Bäume zeichnen bizarre Muster in die blauweißen Himmel über der Stadt. Die gelbe Straßenbahn, wie sie über den Platz schleicht. Das junge Paar von irgendwo bewegt sich nicht. Eltern, Kinder, Fotografen. Fahrradkuriere. Ein Rest schmutzig gewordener Schnee. Das ist Berlin. Das ist der Alexanderplatz, den die verschnöselten Jungs von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung so hassen, und jetzt erst recht, wo Frank O. Gehry hier einen Wolkenkratzer bauen soll von 150 Meter Höhe. Sie sind hierher verschlagen worden wegen des Jobs und wegen der Kohle. „Der Alexanderplatz in Berlin ist kein Ort, an dem man bleiben, schauen oder träumen mag”, sagen sie. Och, die Ärmsten. „Die Plätze am Rand des Springbrunnens sind schon von Punks und Trinkern besetzt.” Wie eklig! Wie sollen sie hier träumen, die Guten, Vornehmen, Wohlversorgten. Der Platz hat keinen Rand, keinen Anfang, kein Ende, ihre Blicke finden keine Halt. Und Gehrys Entwurf nennen sie eine klobige Pfeffermühle. Der dritte Preis des Wettbewerbs hingegen sei großartig, weil er die Formen des Umfelds aufnehme. Nun gut. Wer ein bisschen was von Gehry kennt, hat auch mitbekommen, dass er sich immer bemüht, die Umgebung seiner Bauwerke einzubeziehen, er lässt sich von ihr inspirieren. Wie das dann aussieht und wieviel man davon dann wiedererkennen will, liegt im Auge oder im guten Willen des Betrachters. Den man bier nicht voraussetzen kann, ist schon klar. Wenn man so unvoreingenommen an die Sache heranginge, könnte man ja nicht jammern und wehklagen über die Stadt, in der man nicht leben will, aber muss.

Wenn hier erst mal der Wolkenkratzer steht/Dann ist wahrscheinlich alles längst zu spät

Wenn hier erst mal der Wolkenkratzer steht/Dann ist wahrscheinlich alles längst zu spät

Mein Freund war beim Friseur. Deine Friseurin hat sich noch mal gesteigert, da ist ein besonderer Pfiff drin in deiner Frisur. Du hast ja’n Knall. Eine mir unbekannte Kellnerin hat die Mittagsschicht und ist eigentlich schon zu persönlich Schrägstrich kumpelhaft. Den Chef hat eine merkwürdige Unruhe erfasst, er geht ständig auf und ab und ringt dabei seine Hände (vielleicht denkt auch er an die klobige Pfeffermühle von Frank O. Gehry). Im Haus meines Freunds ist eine Wohnung frei geworden, dort wohnten ein greiser Professor und sein geistig behinderter Sohn. Neulich hörte mein Freund dort Geräusche und stieg die Treppe hinab. Sind Sie die Angehörigen, fragte er. Ich möchte Ihnen mein Beileid aussprechen. Oh nein, nein, sagte die Frau, ich bin die Schwiegertochter, aber Professor Goldmund ist nicht verstorben, er lebt im Heim, und der arme Helmut ist in einer betreuten Einrichtung, wo er sich sehr wohl fühlt, und das ist mein Mann, der zweite Sohn und Bruder. Wir haben oft unsere Hilfe angeboten, wenn nicht sogar aufgedrängt, sagte der Mann, aber mein Vater hat immer abgelehnt. Da kann man nichts machen. Nein, da kann man nichts machen, sagte mein Freund, ich möchte auch keine Hilfe, aber ich biete gern meine Hilfe an.

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