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Alt und grau und schwer genervt

Kann viel passieren in Berlin

Kann viel passieren in Berlin

Das soll der letzte Fall der Kommissare Ritter und Stark gewesen sein am Tatort Berlin. Der RBB scheint was Besseres im Sinn zu haben. Dürfen wir skeptisch sein? Ja, da bitten wir gar nicht um Erlaubnis. In der FAZ erklärt man sich die Ablösung zum Beispiel damit, dass Kommissar Ritter sprich Dominic Raacke früher viel unangepasster war, er rauchte und soff und verspottete seinen Kollegen. Hä? Ritter ist alt und grau geworden, fürs Rauchen und Saufen fehlen ihm die Vakanzen. Raacke spielt glaubwürdig einen Mann, der schwer genervt ist mit diesem Job in dieser Welt. Eine gewisse Eitelkeit hat er noch nicht verloren, eine gewisse Liebesfähigkeit ebenfalls nicht, auch wenn es ihm passieren kann, dass er sich in schöne Verdächtige oder traurige Täterinnen verliebt. Er wäre eine gute Besetzung für Mankells Wallander. Und Kommissar Stark, der nur halb so groß ist wie Ritter? Das haben die Berliner wunderbar hinbekommen, dass daraus keine Witzigkeit wurde und kein Herr-und-Diener-Verhältnis, in einem Feuilleton wurde sogar von Don Quichote und Sancho Pansa geredet; alles Quatsch. Boris Aljinovic spielt einen introvertierten, gleichwohl selbstbewussten Mann, dem man die Einfühlung in fremde Schicksale bedenkenlos abnimmt und dessen wortkarge Einreden immer Wirkung zeigen. Zwischen den Kommissaren ist viel Ungesagtes, das wir Zuschauer spüren, das Schicksalhafte dieser ungewöhnliche Arbeitsbeziehung. Der RBB hat offenbar nicht begriffen, was sich hier in dreizehn Jahren und dreißig Fällen aufgebaut hat.

Das Problem dieses „Großer schwarzer Vogel” betitelten Krimis liegt wie meistens im Drehbuch. Es wird immer schwerer, Geschichten zu erzählen, die neu wirken und noch unerzählt. Großer schwarzer Vogel, das ist natürlich der Tod, man kann sich an das große Lied von Ludwig Hirsch erinnern, komm, großer schwarzer Vogel, der den Tod fast flehentlich herbeisang und sich viele Jahre später das Leben nahm. Von eher unabsichtlichen Verbrechen wird erzählt, von einem Mann, den der Stress des Leistungssports zermürbt hat und der den Tod suchte. Er kommt mit dem Leben davon, aber die Menschen, die er in seinen Suizidversuch hineingezogen hat, eben nicht. Das wird durch ein Komplott vertuscht, und nun will uns dieser Tatort erzählen, dass die Gespenster der Vergangenheit nicht zur Ruhe zu bringen sind und immer neue Untaten gebären. So wie sich der Steuersünder steuerehrlich machen soll, soll sich der Täter zu seiner Tat bekennen, er kommt sonst aus dem Teufelskreis nicht heraus. Das ist ein bisschen viel an unverlangter Moral, und der Fall wirkt auch entsprechend konstruiert. Schade drum, denn ansonsten ist der Film eine reelle Sache. Wie immer spielt die Stadt unaufdringlich, aber wirkungsvoll mit, alte und neue Häuser, enge Flure und Treppen, die Lichter am Abend, der flutende Verkehr, die historische Markthalle, die Bahnhöfe, die Tiefgarage, der Mann vom Radio, die Physiotherapeutin, die Putzfrau, die Kindergärtnerin, die Assistentin mit den Klassejeans, die Bauarbeiter auf den Baugerüsten, die alten Seilschaften, das Haus am See, die Krähen, der ramponierte Lederball, die Schlaflosigkeit, der wilde Wein, die Laster der Großstadt, die Brücken, die Ratlosigkeit und das Schweigen. Kommt wieder, Ritter und Stark.

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