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Ein Fußballfan stirbt niemals ganz

Zu unserem Schutz

Zu unserem Schutz

Ich wüsste nicht, dass mich der 1. FC Union jemals mit einem 0:0 aus der Alten Försterei nach Hause geschickt hätte. Gestern ist es geschehen. Ein Spiel der höchsten Sicherheitsstufe. Das entnahm man den Medien, das sieht man auf dem Bahnhof Köpenick. Bullen über Bullen. Man staunt, dass die sich in ihren dickwandigen Uniformen überhaupt bewegen können, aber furchteinflößend sehen sie schon aus. Zwei Ostclubs, die sich gegenseitig die Butter vom Brot nehmen wollen. Union hat Aufstiegschancen (wenn ich auch nicht so recht daran glauben mag), Dynamo Dresden steht weit hinten drin in der Tabelle, wieder mal in Abstiegsnöten. Als ich dieses Ost-Derby das letzte Mal sah, ging Dresden nach gutem Beginn 0:4 unter und bewährte sich als charakterschwaches Team.

Zu unserer Sicherheit

Zu unserer Sicherheit

Unser für die Tickets zuständiger Boss führt an diesem Tag seine aus Dresden angereisten Freunde ins Stadion, kann uns auf dem Weg aber noch aufklären, dass sie seinen Lieblingsprogrammverkäufer wegen eines unkorrekten Sortiments verhaftet haben, dann verschwindet er unzünftig auf der neuen Sitztribüne. Im Dresdner Fanblock stehen sie dicht gedrängt, die hätten dreimal so viel Karten verkaufen können, sagt der Fußballnomade. Ansonsten ist er unzufrieden, weil wir nur noch Plätze weit weg von der Mittellinie erwischt haben, wo sich nach meiner Erfahrung allerdings die kaputtesten Fans versammeln. Von der Mittellinie aus kann der Fußballnomade das Spiel viel besser lesen. Der Stadionsprecher begrüßt den Start der zweiten Halbserie und des Frühlings, in der Halbzeitpause gedenkt er treuer Fans, die in den vergangenen Wochen gestorben sind. Besonders alt sind sie alle drei nicht geworden. Wir denken an euch, denkt ihr auch an uns, so der Tenor seiner Worte. Wir brauchen eure Unterstützung von dort oben. Ein Fußballfan stirbt nie so ganz.

Ich stehe ganz gern im Block T. Da spielt immer nur einer verrückt. Heute ist es ein heißblütiger Blonder, den das Spiel wenig interessiert, dafür umso mehr der Dresdner Block. Sowie sich da etwas regt, versucht er, die feindlichen Fans mit drohenden Gebärden und wüsten Beschimpfungen zum Schweigen zu bringen, völlig sinnlos auf die Entfernung.

Union hat einen schlechten Tag erwischt. Die Pässe kommen zu achtzig Prozent nicht an. Dresden versteht es ganz gut, das Spiel aus den Ballungsräumen herauszutreiben und den Ball schnell nach vorn bringen. Aber sie stehen nicht umsonst so weit unten in der Tabelle: Der wuchtige Benin-Franzose Poté trifft das Tor nicht mehr, und zuweilen trifft er nicht mal den Ball. Dresden schießt keine Tore, die Unioner bringen es gerade mal auf drei Chancen. Trotzdem ist das Spiel erstaunlich kurzweilig.

Das Spiel vorbei und alle Fragen offen

Das Spiel vorbei und alle Fragen offen

Danach breitet sich bei Bier aus Plastikbechern, Eberswalder Steaks und Bratwurst eine gediegene Melancholie aus. Unser Boss hat die Dresdner Freunde ihren Landsleuten übergeben und wertet mit uns das Spiel aus. Das ist eigentlich das Schönste am Fußball. Diese sachkundigen, tiefgründigen, nicht ganz unphilosophischen Gespräche nach der Schlacht. Wir sind uns sicher, dass wir abgehört werden und der Trainer unsere Schlussfolgerungen im nächsten Spiel umsetzen wird. Ein illustre Szenegestalt, toll gestylt, erklimmt einen Tisch, schwenkt seinen Becher und fährt den Zeigefinder aus: Ich werde dich töten, sagt er, ich töte dich. Der Angesprochene/Bedrohte hilft ihm höflich vom Tisch herunter, ehe er sich aus Versehen noch selbst tötet.

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