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On Tour (2)

Bielefeld Altstadt. Abends ist mehr los

Bielefeld Altstadt. Abends ist mehr los

Zu meinen Dejá-vu-Erlebnissen in fremden Städten gehört, dass ich ständig Leute sehe, die ich zu kennen glaube. Ich habe sogar eine ganz lebendige Erinnerung an sie. Stimmt natürllich nicht. Hängt aber damit zusammen, dass es in Deutschland (in anderen Ländern sicher auch) einige Grundtypen gibt, die immer wieder auftauchen. Man selbst gehört wahrscheinlich auch so einem Grundmuster an.

Zwölf Minuten Besinnung

Zwölf Minuten Besinnung

Zwischen zehn und elf am Abend suchte ich ausgehungert und durchgefroren ein Thai-Restaurant auf. War ziemlich leer, aber doch erfüllt von der beherrschenden Stimme eines Mannes, der Reisetipps nach Thailand gab. Bangkok, bevor sie den Flughafen dicht machen, Taxi, kann ich euch ’n Tipp geben, scheißegal. Der Gegner sitzt auf den Dörfern und ist noch gar nicht da. Wenn die sich in Bewegung setzen. Scheißegal. Es war der Wirt. Wie sollte der sich in seinem Lokal nicht zu Hause fühlen. Ein fülliger Riese mit dünnem blonden Haar. Eine Seele von Mensch, vom unvermeidlichen scheißegal abgesehen. Die Serviette war zur Lotosblüte gefaltet. Die Köchin hatte der Wirt aus Thailand geholt. Vermutlich auch die detailreiche Reliefschnitzerei an der Wand? Aus Nord-Thailand, sagte der Wirt. Schöne Arbeit.

Mit Begeisterung nennen die Bielefelder ihre Stadt ein Dorf. Gründe gibt es genug für einen Wirt, wenn sein Restaurant am Abend leer ist.

Im Hotel hielten sich vorwiegend riesenhafte, grobknochige Westfalen auf, die zur Erschütterung meiner Vorurteile allerdings schwedisch sprachen. Dafür las ich das Westfalen-Blatt. In Minden waren einem Musiklehrer zwanzig Geigen gestohlen worden. Er kam nach Hause und sah die Bescherung. 120 000 Euro futschicato. Immerhin waren die Diebe, die die Fenster aufgehebelt hatten, gnädig und ließen einige Instrumente zurück, damit der Mann weiter arbeiten konnte. Eine falsche Ärztin wurde in Detmold zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Sie hatte Patienten mit falschen Krebsdiagnosen geschockt und für die Behandlung, was man in Anführungsstriche setzen muss, fette Summen kassiert. In einem Bielefelder – ich sag mal – Restaurant kam es in den frühen Morgenstunden eines gewöhnlichen Tags zu einer Schlägerei, an der mindestens zehn Männer und eine Kellnerin beteiligt waren, die schlichten wollte. Sie schlugen und sie traten sich. Eine Gruppe jagte im PKW davon, die andere, bekleidet mit Anzügen und Krawatten, machte sich zu Fuß vom Acker. Der Polizei, die sie stellen konnte, erzählten die vornehmen Herrschaften, dass sie im Lokal Stress gehabt hätten.

Haben immer Hunger und Lust, Kohle auszugeben

Haben immer Hunger und Lust, Kohle auszugeben

Aufstiegschancen

Aufstiegschancen

Die verborgene Seelen-Botschaft der Märchen wird – immer dienstags – vorgetragen. Pfarrer Armin Piepenbrink-Rademacher hält in der Altstädter Nicolai-Kirche Sprechstunde. Die Leute sitzen oder stehen vor den Cafés, einesteils der milden Witterung wegen, vor allem aber dürfen sie hier rauchen. Rekonstruierte Renaissance-Giebel. Spitzgiebel. Solchen Städten sieht man an, dass es ihnen oft gut ging, dass davon etwas bleibt, und dass es ihnen jederzeit wieder gut gehen kann. Ein Mann mit einer roten Jack-Wolfskin-Jacke spricht angeregt und undeutlich mit einer Gruppe Tauben, ohne übelzunehmen, dass sie ihn keiner Antwort für würdig halten. Vor dem traditionsreichen Café Knigge stehen Schülergruppen, um sich mit Überflüssigem zu versorgen. Die Altstadt die Altstadt die Altstadt. Eine einzige Fußgängerzone, kleine Straßen, die ineinander laufen. Königs Feinkosthaus (seit 1891), Buchhandlung „Eulenspiegel”, das Kachelhaus, Brauhaus Joh. Albrecht. Häuser mit langer Tradition und schönen Angeboten. Am Abend sitze ich am Tresen des Brauhauses, das dem Industriebier den Kampf angesagt hat. Die Kampfparolen sind: naturbelassen, unfiltriert, handwerklich gebraut mit Holledauer Siegelhopfen und bayerischem Malz aus Kulmbach. Die Sorten heißen Messing  (hopfig-herbes Helles), Kupfer (malzig-mildes Dunkles) und Leineweber (süffig Mildes). Wenn man so instruiert ist, schmeckt man das auch alles heraus. Feldsteingewölbe, Säulen, Rundbögen, Musikerbildnisse an den Wänden, Frakturschrift, die Technik sieht sehr hausgemacht aus. Heute ist Haxentag. Und nicht umsonst. Die Bielefelder zelebrieren hier ihren Feierabend, genauso wie gegenüber im Kachelhaus, wo kein Tisch mehr frei ist. Herford, ein paar Zugminuten von Bielefeld entfernt, ist eine Textil- und Möbelstadt. Über den Abfallconatinern am Bahnhof eine naive Stadtmalerei, Häuser; Fenster, Türme, Bäume, in großen Fladen fällt der Putz von der Wand und macht das Bild modern. Wenn man so will. Durch Bad Oeynhausen donnert der Verkehr von der Autobahnabfahrt Hannover nach Holland. Riesige Trucks. Eine andere Welt bietet der Kurpark, beinahe unwirklich diese Parklandschaft mit ihren schlossähnlichen Bauwerken. Die Currywurst schmeckt, wie sie immer schmeckt, fern von Berlin. Minden, Restaurant Böhmerwald. Böhmische und Grillspezialitäten, als wenn das eine das andere ausschlösse. Ein feines Restaurant. Zu jeder Bestellung und zu jedem Danke sagt der Restaurantchef: gerne. Nur einmal nicht, als er sich entschuldigt, dass er den Salat zu spät bringt. Wir haben auch schon gelitten, sage ich. Da muss er einfach nur lachen.

Street Art Herford

Street Art Herford

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