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Berliner Rand

Oh, so schön ist Hellersdorf

Oh, so schön ist Hellersdorf

Die U-Bahn endet schon in Kaulsdorf Nord. Ich überlege, ob ich es riskieren kann, die Wartenden auf dem Bahnsteig zu fotografieren. Da ist ein junger Unförmiger, der – mit allerdings sonorer Stimme – selbstgefällig ins Smartphone quatscht. Eine Dame mit einem lebhaften Vorschulkind. Eine große Frau mit einem großen Mund isst ein Baguette. Der Mund ist so abartig groß, dass er beim Kauen das ganze Gesicht in Bewegung setzt. Das sieht sehr unsympathisch aus. Ab und zu prügelt die Frau die Krümel von ihrem Mantel, ich möchte auf keinen Fall mit ihr in einem Wagen sitzen, denn sie ist noch lange nicht fertig mit dem Baguette. Die Sprechstundenhilfe (Schwester Jennifer) fragt mich, wann meine Blutwerte zuletzt untersucht wurden. Ehe ich dazu komme zu lügen, schaut sie nach und sagt, 17. 12. 2012. Ich sage, mir ist eher wie 2013. Nein, nein, sagt sie, nicht vor einem Monat. Vor einem Jahr! Na ja, sage ich, wenn’s mal nicht so voll ist. Oder ist es immer so voll? Nein, ist es nicht. Im Pfennigland gibt es keine Glühlampen mehr. Das ist ja hoffnungslos und macht mir sofort schlechte Laune. Verdammte Europäische Union. Bei Kaiser’s sehe ich Johnny mit einer langen Liste, weil er wieder für seine Schutzbefohlenen einkauft.  Ich geb dir auch mal einen Zettel, dann kannst du auch für mich einkaufen, sage ich. Er hebt noch einmal an, die Sache mit den alten Leuten, um die er rührend besorgt ist, zu erzählen. Der alte Herr ist inzwischen allerdings schon gestorben. Auch Johnnys Hilfsbereitschaft konnte ihn nicht retten. In der Apotheke gerate ich an die unscheinbare junge Frau, die heute auch noch Herpes hat, worüber ich taktvoll hinweg sehe. Der Takt ist meine Spezialstrecke. Moment, sage ich und krame nach dem Rezept, keine Hektik, sagt sie, ist eben Winter, sage ich, klamme Finger, sagt sie, vor allem dicke Klamotten, sage ich. Sie sucht lange im Computer nach den Medikamenten, dann hat sie sie und sagt, das kostet Sie nichts, dann hilft’s wahrscheinlich auch nichts, sage ich, manchen kann man’s auch nie recht machen, sagt sie, ist leider so, sage ich. Draußen schleicht unser alter Jochen vorbei mit zwei großen Tüten, das ist nicht dein Revier, sage ich, und wieso er so viel eingekauft hat, Brötchen, sagt er, Vorratswirtschaft, das reicht jetzt für fünfzig Tage.

Das Publikum unseres Missvergnügens. Zu einem Liedermacher-Konzert waren wir lange nicht mehr. Zuletzt, Jahre her, standen wir uns im Kesselhaus der Kulturbrauerei die Beine in den Bauch und nahmen mit gehobener Augenbraue die Anwesenheit der wenigen übriggebliebenen Ostpolitiker zur Kenntnis, die zu den Menschen herabgestiegen waren, zum Wahlvolk, und meinten, sich so einen Beifall verdient zu haben. Aber dafür können ja die Liedermacher nichts, nein, können sie wirklich nicht, na, vielleicht ein bisschen. Jetzt ging es in die Freiheit 15 in Köpenick. Von den Leuten in der Straßenbahn wusste ich sofort, wen wir gleich beim Konzert wiedersehen würden. Die Freiheit 15 leuchtete rot über die dunkle Spree herüber. Am Ufer saßen ein paar Jungs, die sich eine Kneipe nicht leisten konnten. Die Freiheit 15 wird offensichtlich privatwirtschaftlich betrieben. Garderobe pro Kleidungsstück 1 €, pro Tasche auch 1€ und pro Regenschirm 10 €, ne, der Regenschirm ist ne Erfindung, die sich aber anbot. Außerdem wird ausgeschenkt. Und der von sich selbst recht eingenommene Kulturbürger weiß das zu schätzen. Ein Sektchen, ein Weinchen, ein Bierchen werten die Kultur doch gründlich auf. Wobei Bierchen: Es sind riesige Humpen, die hier gestemmt werden, man könnte sie auch Maß nennen. Der Liedermacher kann darauf reagieren. Wir müssen eine Pause machen, sagt er zu gegebener Zeit. Aus – ich will ganz offen zu euch sprechen – vier Gründen. Der erste: Flüssigkeit fassen. Der Mensch, haben Wissenschaftler herausgefunden, soll ja am Tag 23 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen. Und vielleicht haben einige Kunstfreunde bis jetzt erst drei Liter zu sich genommen. Dann sollten sie in der Pause schnell die restlichen 20 Liter trinken. Wir hatten Glück, dass wir in der letzten Reihe zwei freie Stühle bekamen. Wir hatten Pech, dass sich hinter uns ein feister Enthusiast stellte, dessen Beifall mir in den Ohren dröhnte. Einer von denen, die zeigen wollen, dass sie jede Anspielung verstanden haben und dies mit einer fetten Mann-Frau-Lache ausdrücken. Skiunfall der Kanzlerin, Flughafendebakel Schönefeld oder Scheißefeld, alles kapiert, alles belacht …

Heute erwische ich Jochen schon wieder im falschen Quartier. Er schiebt vor dem Netto einen Einkaufswagen mit vier Kästen böhmischem Bier zum Auto. Jetzt reicht’s, sage ich, ich habe doch schon gestern gesagt, nicht dein Revier …, aha, Vorratswirtschaft. Nein, sagt er, Vorratswirtschaft war gestern, das hier ist der tägliche Bedarf.

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