Startseite > Brachwitz weekly > Abgehängtheit

Abgehängtheit

Wo der Bus nicht lange oder aber überhaupt nicht hält © Christian Brachwitz

Wo der Bus nicht lange oder aber überhaupt nicht hält
© Christian Brachwitz

Im Wartehäuschen in Bindfelde liegt nur wenig Unrat unter der Bank. Ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist? Es ist ein Zeichen. Zwei leere Zigarettenschachteln noch nicht mal der billigsten Sorte (das wäre vielleicht Salem gelb oder Salem rund gewesen) sind da, Reisig ist über die volle Länge verstreut, der Verdacht kommt auf, dass hier jemand wohnt, nachts, wenn die Busse nicht fahren, einer, der zum Leben wenig mehr braucht als ein Dach überm Kopf, ein Feuerzeug und immer ’ne volle Schachtel Zigaretten in der Tasche. Damit kann man überleben auf dem Lande, auch wenn die Landschaft mit ihrem dürren Gesträuch noch so abgehängt wirkt. Der Einsiedler sorgt dafür, dass seine Zuflucht nicht vermüllt wird. Kann aber auch sein, dass hier immer der seinen Rausch ausschläft, dessen Frau nach Mitternacht die Tür verriegelt hat, weil sie den Trinker im Bett neben sich nicht mehr erträgt. Nur noch, wenn er nüchtern ist. Die Zeit und die Witterung haben Spalten in das einst wohlgefügte Holz gerissen. Auf dem Welleternitdach liegen ein paar Steine, ein Wunder, dass die sich halten. Und was das Wetter mit der Schrift, mit den Buchstaben, die das Wort Bindfelde bilden, macht, ist grafisch auf keinen Fall ohne Reiz. Auch da haben sich die Bretter in Nässe und Hitze gegeneinander verschoben. Bindfelde rutscht ab. So war es jedenfalls in den achtziger Jahren. Oder im Mittelalter. Bindfelde, ein typisches Straßendorf, gibt es seit dem 12. Jahrhundert. Die Postkutsche wird hier kaum gehalten haben. Heute liegt der Ort, der mittlerweile zu Stendal gehört, an der ICE-Strecke Hannover – Berlin. Das kulturelle Leben wird hauptsächlich durch die Feuerwehr geprägt. Es soll einen Landgasthof, einen privaten Kindergarten und eine private Grundschule geben. Ob das Wartehäuschen die Wetterunbilden und die Wende überlebt hat, lassen wir mal offen.

Kategorien:Brachwitz weekly Schlagwörter: , ,
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: