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Abgehängt und durchgesehen

Wie im vergangenen Jahr schaffte ich es in der Silvesternacht nicht, den abgehängten Literatur-Kalender (den vom Aufbau-Verlag) noch mal durchzusehen, wie im vergangenen Jahr hole ich es – Wochen später – nach. Obenauf Simone de Beauvoir mit der etwas strengen Frisur und dem zuversichtlichen Blick, auf dem Bürgersteig, neben einer Laterne, vielleicht in den frühen Morgenstunden, im Hintergrund drei verschwommene Gestalten in schwarzen Mänteln. Alles ist offen, so kann das Jahr anfangen. „Das Glück”, sagt die Beauvoir, „besteht darin zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein.” Auch das ist sehr zuversichtlich. Die weichen Züge von Else Ury, die das Nesthäkchen erfand, das in meiner Kindheit allgegenwärtig war (natürlich nicht für Jungs). Damals wollte keiner wissen, dass die Jüdin Ury in Auschwitz umgebracht wurde. Susan Sontag, schnell gealtert, bei der Trauerfeier für Heiner Müller im Berliner Ensemble hatten sie noch einen großen, etwas statischen Auftritt. Immerhin wurde sie 71 Jahre alt, eigentlich kein Alter für unsere Zeit. Wladimir Wyssozki, die unvermeidliche Zigarette, die unerschrockenen Augen, der unstillbare Durst, Marina Vlady („Die blonde Hexe”) versuchte ihn zu retten; aber wie kann das gehen!

Ein Literaten-Jahr – verklungen

Ein Literaten-Jahr – verklungen

Giuseppe Ungaretti als alter Mann mit einem weißen Bart und einem hinreißend schmaläugigen Lachen, mit ihm begann Enzensberger seine großartige Anthologie „Museum der modernen Poesie”: Morgen// Ich erleuchte mich/durch Unermessliches. Dagegen ein Jugendbild von Arthur Schopenhauer. Schopenhauer als junger Mann, das ist unvorstellbar, man hat immer den alten Misanthrop vor Augen mit dem wirren weißen Haar. Die unglaublich schönen Augen, der weiche Mund von Gertrud Kolmar. Auch sie: ermordet in Auschwitz. Der skeptische Blick der erfolgreichen, sonnenbestrahlten Jenny Erpenbeck und ihr Schatten in Diensdorf bei Berlin. Die Verlorenheit der scharfzüngigen Dorothy Parker, die modische Attitüde, die nicht darüber hinwegtäuscht, dass der Alkohol eine Hauptrolle in ihrem Leben spielte, sophisticated war sie trotzdem, um das Wort wieder mal zu verwenden. Wislawa Szymborska, eine der unerwarteten Nobelpreisträgerinnen, mit Handtasche und gefährlich um die Ecke sehenden Hund, sie teilte ihr Leben in „vor der Nobel-Tragödie und nach der Nobel-Tragödie” ein, wohl auch mit einem lachenden Auge. Ein Drechslergeselle namens Bebel, so hieß ein bekanntes Jugendbuch. Und als Autor des Werks „Die Frau und der Sozialismus” kann sich auch August Bebel im Kalender als Literat präsentieren, und das mit Dreiteiler, leuchtend weißem Hemd, Schleife, Uhrkette und lässiger Pose so elegant, wie man sich einen SPD-Politiker seiner Zeit (1840 – 1913) nicht vorstellte. Heute eigentlich auch nicht. Gibt es überhaupt elegante Politiker (von Angela Merkel und Siegmar Gabriel abgesehen)? Thomas Wolfe, 1913 am Zug in Berlin, Mantel und Hut leger im linken Arm. Ein großer Mann, der die gewaltigen Textmassen, die er herausschleuderte, nicht bändigen konnte. Wofür gibt (oder gab) es Lektoren. Diderot, dessen 300. Geburtstag wir begingen, wird die impulsivste, funkensprühendste Gestalt des 18. Jahrhunderts in Frankreich genannt, ein frecher Kerl (so malte man ihn auch), der dem Fatalismus Flügel verlieh. Das produktive Chaos auf dem Schreibtisch von Peter Härtling, der genialische Blick, die schlenkrigen Glieder von Aldous Huxley, Jorge Semprun, der auch seinen Mantel, aber statt des Huts ein Buch im linken Arm trägt – und schon war das Jahr 2013 vorbei, und der neue Kalender wird aufgehängt.

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