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Doch nicht genug gewusst

Vom Nationalsozialismus glaubte ich genug zu wissen, mehr als genug, zuviel.  Außer: Wie haben normale Leute in jener Zeit gelebt, zum Beispiel unsere Eltern. Das hat man versucht, sich in etwa vorzustellen, auch mal versucht, sich selbst unter solchen Bedingungen zu sehen. Ohne Ergebnis. Man konnte nur mutmaßen.

Und die nicht normalen Leute, jene, die ausgesondert wurden, die Juden, wie haben sie gelebt? Wie haben sie gelebt, wenn sie das Glück hatten, nicht ins Lager deportiert zu werden?

Dann hatten sie ein Glück, das die Hölle in Deutschland war. Der Romanist Victor Klemperer, Professor in Dresden, hat es in seinen Tagebüchern festgehalten. Die Bände „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten” haben Ruhm erlangt, seit sie 1995 im Aufbau-Verlag erschienen. Ich habe eben den Band für die Jahre 1933 bis 1941 gelesen. Man verflucht seine Empathie, die einen beim Lesen der Texte in die Depression treibt.

Zeugnis abgelegt: Victor Klemperer

Zeugnis abgelegt: Victor Klemperer

1933 ist Klemperer Anfang 50 und plagt sich bereits mit den Gebrechen eines alten Mannes. Herzbeschwerden, die Augen sind entzündet, er klagt über Schlundschmerzen. Auch Eva, seine nichtjüdische Frau, ist leidend, schlecht zu Fuß, Gliederschmerzen, nervlich stark angegriffen, liegt tagelang zu Bett, Klemperer liest ihr vor, wenn die Augen es zulassen. Dazu kommen Geldsorgen, kaum vorstellbare Armut („Es ist kein Geld da, Eva etwas zum Geburtstag zu schenken.”) Es ist schon schlimm genug, und die Klemperers wissen, dass es noch viel schlimmer kommen wird. Am Anfang hat Klemperer als Frontsoldat im ersten Weltkrieg noch kleine Vorteile gegenüber anderen Nichtariern, wie es heißt, aber er ist selber gehalten, Dokumente herbeizuschaffen, die seine Kriegszeit eindeutig belegen. Im übrigen fühlt er sich nicht als Jude, er ist Deutscher in seinem Verständnis, was alles Problematische einschließt, ein deutscher Patriot. Manchmal erkennt er bei den Deutschen Zeichen von Solidarität und Anteilnahme, aber viel häufiger empfindet er: „… immer mehr glaube ich, dass Hitler wirklich die deutsche Volksseele verkörpert, dass er wirklich ›Deutschland‹ bedeutet und dass er sich deshalb halten und zu Recht halten wird.”

Klemperers Lehrveranstaltungen sind kaum noch besucht, die Studenten, die zu ihm kommen, brauchen Mut. Das Ende der Lehrtätigkeit ist bald besiegelt, die Pension fällt geringer aus als rechtens. Klemperer arbeitet gegen eigene Verzagtheit und zunehmende Verzweiflung an einem großen Werk über die Geschichte der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts. Eva Klemperer erträgt die Zustände in dem schlecht heizbaren Wohnhaus nicht mehr, sie haben Glück, von Freunden einen Kredit zu erhalten, bauen auf ihrem bescheidenen Grundstück in Dresden-Dölzschen ein Häuschen. Klemperer nimmt Fahrunterricht und erwirbt einen Gebrauchtwagen, das Ehepaar ist beweglicher, versucht etwas aus dem reduzierten Leben zu machen.

Der Lebensraum der Juden wird auf perfide Art Schicht für Schicht eingegrenzt. Die Klemperers werden gezwungen, ihr Häuschen verlassen und in ein Judenhaus ziehen, sie müssen den Wagen abgeben, Klemperer darf die Bibliotheken nicht mehr nutzen, die Schreibmaschine wird beschlagnahmt, ständig werden Sondersteuern und Abgaben erhoben, auf viele Lebensmittel haben sie keinen Anspruch, sie dürfen viele öffentliche Orte nicht aufsuchen, ihre Ausgangszeiten sind begrenzt, Klemperer hat wegen einer Lappalie eine Haftstrafe abzusitzen, er darf in der Haft nicht lesen, nicht schreiben („Die einzige wirkliche Qual, die gar nicht zu betäubende und immer zunehmende, bestand in der völligen Beschäftigungslosigkeit, in der entsetzliche Leere und Unbeweglichkeit der 192 Stunden”). Auch jenseits der Haftanstalt ist man in einem hochbürokratischen, teuflischen System von Demütigungen und Erniedrigungen gefangen. Klemperer, der wahrlich kein heiterer, gelassener Mensch ist, geht durch die Höllen eines widerwärtigen Alltags und hält aus, hält stand, obwohl er auch schon unter normalen Bedingungen zu einer gewissen Wehleidigkeit neigt. Man liest das und kommt auf den schlimmen Gedanken: Tot sein ist besser. „Ich arbeite in jeder Beziehung ohne Hoffnung”, so ein Satz fällt oft. Aber Klemperer, dieser unheldische Mensch, hört nicht auf zu beobachten und zu registrieren, klammert sich an seinen Schreibtisch, an seine Papiere, an die selbst auferlegte Zeugnisfunktion. So kann er überleben, was einem Wunder gleichkommt. Neben seinem berühmten „LTI”  (Die Sprache des Dritten Reiches) sind die Tagebücher die Hinterlassenschaft Klemperers, die nach wie vor das Potential hat, hellhörig zu machen und aufzuschrecken. Man liest das niedergedrückt und voller Anspannung.

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