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Warum ist alles relativ?

Die weiße Freizeitkleidung schmückt die Touristen © Christian Brachwitz

Die weiße Freizeitkleidung schmückt die Touristen
© Christian Brachwitz

Göhren, das auf Rügen liegt, der größten deutschen Insel, wenige Jahre vor der Zeitenwende. Die Touristen warten auf den Zug, den Rasenden Roland, die Einheimischen warten darauf, dass das Glas sich leert, damit sie das nächste Bier trinken können. Die Schilder werben für das Bahnhofsrestaurant, Eingang um die Ecke, für die Lenin-Gedenkstätte in Sassnitz und die Kaufhalle, die unter anderem Sportartikel anbietet. Der frühe Vogel fängt den Wurm, der frühe Biertrinker hat ihn bald, den Mollenfriedhof. Noch hält der Gürtel die Hose, die demnächst wohl Hosenträger brauchen wird. Grund genug, die Unterlippe trotzig vorzuschieben. Die Stimmung ist mittel, von dem Fotoamateur im weißen Hemd abgesehen, der seinen Missmut ungeniert nach außen trägt. Wahrscheinlich macht der Rasende Roland seinem Namen Unehre und kommt zu spät. Und was soll man hier fotografieren, den Kohlenhaufen gegenüber etwa? Vielleicht hat er auch den Farbfilm vergessen. Paare. Einzelgänger, die sich nach anderen Einzelgängern den Hals verdrehen. Bemerkenswert die Dame im Zentrum des Bilds, der, trotz aller Unbilden, unternehmungslustige Gang, der elegante Schwung der Handtasche.

Ein Urlaub auf Rügen war ein Glücksfall, aber auch eine Erholung zweiter Klasse. Man hatte sich oft mit primitiven Quartieren und mangelhafter Versorgung abzufinden. Und so wartet man hier nicht nur auf den Zug, sondern auch auf die Zeitenwende. Mit der alles besser oder eleganter wurde. Göhren gehört zu Mönchgut, dem sonderbarsten Teil der Insel. Dort scheute sich ein Bürgermeister und ehemaliger Fischer nicht, die DDR-Jahre eine goldene Zeit des Fischfangs zu nennen. Die Bestände waren nicht überfischt, man litt noch nicht unter den niedrigen Fangquoten. Heute spielt der Fischfang auf Rügen kaum noch eine Rolle. Aus Fischern wurden Vermieter und touristische Aushilfskräfte, abhängig von den Urlaubsgästen, schlecht bezahlt in den vornehmen Hotels. Dass das die eigensinnigen Mönchguter stört, ist ja wohl kein Wunder.

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