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Doswidanja Dostojewski

Unglaublich. Ich hatte doch etwas über die Dostojewski-Serie auf Arte in den Computer getippt, wo ist das geblieben? Wo ist das hingerutscht?

Zeichnung: H. Thannhaeuser, Transmare Verlag

Zeichnung: H. Thannhaeuser, Transmare Verlag

Die Frage war: Was bleibt von diesen sieben Folgen Dostojewski. Eine russische Produktion. Insofern nicht überraschend, dass sie etwas altbacken wirkte. Die Russen sind entweder konservativ oder ungemein progressiv. In der Mehrheit wohl eher konservativ. Nach einer halben Stunde dachten wir, dass man sich auf diese Serie vielleicht doch nicht einlassen sollte, aber in genau diesem Moment, als wir abrücken wollten, hatte uns der Film eingenommen. Was bleibt von Dostojewski? Ein negativer Held. Ein Mann, der sich immer wieder selbst eine Falle stellt. Der prädestiniert ist dafür, Leute aus seinem Umfeld in sein Unglück hineinzuziehen. Der sich immer wieder auf pubertäre Weise einer Frau unterwirft. Ein Spieler, der um sein Leben spielt, und ein Schriftsteller, der um sein Leben schreiben muss. Ein Spieler eben, der so wenig aufhören kann zu spielen, wie ein Trinker aufhören kann zu trinken. Wie hätte Dostojewski geschrieben, wenn er nicht um sein Leben hätte schreiben müssen, um die nackte Existenz, manchmal wie im Akkord? Wenn er nicht von seinen Ideen und seinen Schimären, von seinen Weltanschauungen und Heilslehren besessen gewesen wäre? Wenn er seine Texte vor Leuten vortrug, war er dann noch ein Autor? Oder nicht vielmehr ein Seher, ein Sektengründer, ein Aufrührer?

Zwei der unerfreulichsten Szenen der Serie zeigen Dostojewskis Begegnungen mit Turgenjew. Ein Satz, den jemand zu ihm gesagt hatte, lässt ihn nicht los: dass er längst nicht so gut schreibe wie Turgenjew. Und der freundliche, gewiss auch hochmütige Turgenjew scheint Dostojewskis natürlicher Feind zu sein. Der Gutsbesitzer, der von den Höllen, durch die Dostojewski gegangen ist, keine Vorstellung haben kann. Ein Mann, dem es nach Dostojewskis Verständnis immer gut gegangen ist. Dostojewski begegnet Turgenjew mit einer unverhohlenen Aggressivität, fast schon mit körperlicher Gewalt, er bedrängt ihn, wo er nur kann. Auch von Turgenjew bleibt nichts Positives haften: ein steifer, arroganter Hagestolz, und das ist, wie wir wissen, ebenso wenig die Wahrheit über Turgenjew, wie wir in dieser Serie die Wahrheit über Dostojewski erfahren. Aber wir erfahren immerhin, wie es ist, ein Spieler zu sein, wie es ist, ein zum Schreiben verurteilter Schriftsteller zu sein und wie es ist, wenn dieser Schriftsteller dann doch die Frau findet, die sein Verhängnis duldend mitträgt, und allein diese Duldsamkeit und Leidensfähigkeit der Anna Dostojewskaja können Dostojewski retten. So sehen die Russen ihren Dostojewski, die konservativen Russen. Doswidanja Dostojewski, auf Wiedersehen.

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