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Aber wir kommen gerade aus dem Theater

Volksbühne am Luxemburgplatz. Aber am Tage. Aber im Sommer.

Volksbühne am Luxemburgplatz. Aber am Tage. Aber im Sommer.

Die Volksbühne leuchtet in die Berliner Dunkelheit aus tausend Glasscheiben. Da möchte man gern dazugehören, und wir gehören auch dazu mit den Tickets für „Glanz und Elend der Kurtisanen” von René Pollesch nach Honoré de Balzac. Oh ja, die berühmten Romandramatisierungen! Das fing schon in den fünfziger Jahren an mit der „Amerikanischen Tragödie” nach Theodore Dreiser, dann kam „Schau heimwärts Engel” nach Thomas Wolfe, und es wurde immer schlimmer, wie der FAZ-Stadelmaier sagen würde, denn auf die Bühne gehören Stücke und keine Romane. Wir sitzen im oberen Foyer, wo sie um uns herum Weißwein trinken, und stellen fest, dass wir lange nicht mehr im Theater waren. Es ist zuletzt immer zu lang, zu teuer und zu unzeitgemäß gewesen, aber in der Volksbühne kosten die Karten auch kaum mehr als im Kino, und das Publikum beeindruckt mit einem niedrigen Altersdurchschnitt; die Jungs machen doch normalerweise ganz was anderes, als Theater aufzusuchen; und auch dieser oder jener pensionierte Dampfplauderer – kann der denn so lange stille sitzen oder wird  er – besonderer Aufführungsgag – als Enthüllungsjournalist in die Handlung eingreifen?

Apropos Handlung: äußerst verschlungen. Ich („Bravo, Möller. Gut vorbereitet.”) erzähle Andrea, welche Verwicklungen auf uns zukommen werden. Lucien de Rubempré ist liiert mit der Kurtisane Esther, was dem Großschurken Vautrin gut in seine Pläne passt. Unter der Maske des Abbé Carlos Herrera verkauft Vautrin die Kurtisane an den liebeskranken greisen Bankier Nucingen für 1 Million Francs. Die schöne Esther, genannt Zitterrochen, nimmt sich das Leben, Lucien, unter Mordverdacht verhaftet, nimmt sich ebenfalls das Leben. Vautrin steigt auf in den Polizeiapparat. Wir haben es mit einer umfassenden soziologischen Studie der Pariser Unterwelt zu tun. Umso überraschender die wichtigste Nachricht vorab: Die Inszenierung wird nicht fünf Stunden dauern, sondern eine Stunde und 36 Minuten. Das Programmheft enthält acht bedruckte und 32 leere Seiten. Ein Bleistift wird mitgeliefert. Der Zuschauer darf seine eigenen Gedanken eintragen. Und los geht’s. Mein Bleistift ist stumpf. Ich protestiere und kriege Ersatz. Die Typen sind übrigens alle sehr freundlich und kommunikativ in Castorfs angeblich verrotteter Volksbühne, die deutliche Konturen des Theaters der Zukunft zeigt, auch es wenn vielen nicht passt, dass dieser „Ossi” und Sohn eines Eisenwarenhändlers sich das riesige Theater, diesen Panzerkreuzer, gekapert hat und seit über 20 Jahren mit seinen Ideen und Kartoffelsalaten beherrscht.

Die Bühne ist ein gewaltiger Lamettahorizont, der Fußboden verspiegelt. Verspiegelungen, was könnten Schauspielern besser gefallen als Verspiegelungen , sich immer beobachten zu können. Fünf Schauspieler laufen auf und tanzen. Jeder von ihnen könnte einer Figur aus Balzacs Roman entsprechen. Birgit Minichmayr ist Esther, Martin Wuttke ist Vautrin. Könnte sein. Aber was reden sie denn da? Wird das Komplott geschmiedet, die Intrige eingefädelt? Sie ergehen sich in einem Diskurs über schauspielerische Befindlichkeiten in unserer Zeit. Das Ich und das Selbst. Das Innere und das Äußere. Authentizität und Identität. Was hat die Rolle mit einem gemacht. Was hat man mit der Rolle gemacht. Das ist es. Und dabei bleibt es. Und das ist echt komisch. Das sind Tonfälle, Mienen, Grimassen, Gesten, Haltungen, Verbiegungen, wie man sie kennt von draußen, von der Straße, von der Party, von der Talkshow. Uns scheint das große Kunst zu sein. Stellenweise Theater wie zu seinen besten Zeiten. Nichts da von Glanz und Elend der Kurtisanen Wie gut, dass ich dir vorher die Handlung erläutert habe, sage ich. Ja, das ist grotesk. Nach Balzac. Da lachen die Hühner. Die Schauspieler fassen sich an den Händen und laufen selbstverliebte Kreise. Die letzte in der Reihe wirbelt den Lamettahorizont auf. Sieht schön aus. Fass mich an den Arsch, sagt Wuttke, damit ich weiß, dass er da ist. Ein Fesselballon schwebt herab. Vom Namen Balzac ist ein ZAC übrig geblieben. Das ist die größte Nähe zur Romanvorlage. Wuttke, im Priesterkostüm, tanzt mit dem Ballon, der Ballon tanzt mit ihm. Noch mal große Kunst, warum auch immer man das so nennen kann. Wuttke schwingt sich in die Gondel, verschwindet mit dem aufsteigenden Ballon, kehrt zurück mit dem sich absenkenden Ballon im Kostüm des Schokoladenmädchens. Das alles ist wahrscheinlich ohne Sinn und Verstand. Es gibt großen Beifall und ein paar Buhrufer, die sich die Sache im ausverkauften Haus schnell anders überlegen. Die Dame neben uns verweigert mit erstarrten Händen jegliche Anerkennung. Auch amüsant. Die zahlreich anwesenden Schauspielstudenten sind begeistert: das ist ja genau das, was man irgendwie mal erreichen will, dieses luftig Sinnfreie, Leichte, diese Spielastik.

Dazu passt, dass wir am Bahnhof Alexanderplatz tänzerisch versuchen, eine rotweiße Absperrung zu unterqueren. Eine Polizistin, die sich in ihrem dicken Kostüm kaum bewegen kann, treibt uns zurück. Wir wollen nur zur S-Bahn. „Die S-Bahn fährt nicht. Der Bahnhof ist gesperrt.” Warum denn? „Ein herrenloser Koffer steht auf dem Bahnsteig.” Ach, so ein grauer? Mit Metallecken? Den habe ich vorhin da stehen lassen. „Seien Sie vorsichtig”, sagt die Polizistin. Da haben Sie recht, sagen wir. Aber wir kommen gerade aus dem Theater.

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