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Irrfahrten ohne Heldentaten

New York oder Berlin – der Winter ist überall grausam, wenn du keinen Erfolg und keinen Wintermantel hast

New York oder Berlin – der Winter ist überall grausam, wenn du keinen Erfolg und keinen Wintermantel hast

Hoffnungslose Filme kommen in letzter Zeit aus den USA zu uns. Filme mit negativen Helden. Loser, Egoisten, Illusionisten, Menschen, die unter einem totalen Realitätsverlust leiden. Nun zeigen uns die Coen-Brüder den Folkmusiker Llewyn Davis (Oscar Isaac), wie er im Winter 1961 mit guten Songs und biblischer Leidensfähigkeit, ohne Wohnung und Wintermantel, von Pleite zu Pleite taumelt. Unerbittlich sind die Leute, unerbittlich sind die Städte, unerbittlich sind die Straßen. Ein Wunder, dass Llewyn Davis sich noch auf den Beinen hält, schmerzlich, wie er immer wieder die selben Klingelknöpfe drückt, um sich die nächste Abfuhr, die nächste Demütigung abzuholen, und bei denen, die ihm noch freundlich gesonnen, erlebt er noch dramatischere Desaster. Kein Hoffnungsschimmer in diesem Film, abgesehen von der Katze, die Davis hüten soll und die ab und zu einen Sprung in die Freiheit wagt. Llewyn Davis ist ein Orpheus, der Steine erweichen könnte, aber keine Menschen, schon gar keine Konzert-Agenten, Veranstalter oder Musikproduzenten. Llewyns Vater sitzt mit versteinerter Miene vor dem Sänger, der Musik-Manager Grossman hört ihm unbewegt zu, und sein Fazit ist so sachlich wie niederschmetternd: Ich sehe da nicht viel Geld. Dieser Orpheus wird sich aus der Misere nicht befreien können.

Ist es wirklich so, dass die Coen-Brüder die Frage in den Raum stellen, warum einer wie Bob Dylan, der zur selben Zeit anfängt, eine Weltnummer wird, und ein anderer im Unglück schier versinkt? Dass sie zeigen wollen, dass so etwas unerklärbar ist? Und vorführen, dass, auch wenn es immer noch schlimmer kommt, der Mensch trotzdem nicht fallen muss?

Ich habe noch etwas anders gesehen. Llewyn Davis ist von Anfang bis Ende ganz unten, es kann gar nicht tiefer gehen, aber es geht auch niemals einen Zentimeter aufwärts, er ist also ganz unten, was ihn allerdings nicht davon anhält, hochnäsig zu sein. Der Hochmut, mit dem die Derangierten sich retten zu können glauben. Er ist auch ein Mistkerl, er hat gegen jedes Gift Gegengifte, und er hat die echte Macke, dass er nichts von dem, was seine Kollegen auf die Bühne bringen, anerkennt. Das geht von leisem Spott, zynischen Bemerkungen bis hin zu pöbelnden Provokationen. Am Ende bringt ihm das eine gehörige Abreibung ein. Er liegt von zwei gewaltigen Haken und einem mörderischen Fußtritt getroffen am Boden. Er richtet sich auf und hat vielleicht etwas begriffen. Wenn ich alles um mich herum negativ sehe, kann ich selbst keiner von den Guten sein. Vielleicht kann es ihm helfen, wenn er eine bessere Einstellung zu den Songs der anderen bekommt, vielleicht wird es dann auch seinen Liedern besser ergehen.

Zwischenzeitlich stört es ihn, dass er nicht mal den Namen der Katze weiß, die er behüten soll und die er ständig jagen muss. Wie kann er für etwas sorgen, das er nicht mal kennt! (Und ist das nicht in vielen Dingen so bei ihm?) Am Ende geht dem modernen Hiob, einer von jenen, denen auf Erden nicht zu helfen ist, ein Licht auf. Die Katze ist ein Kater, der Odysseus heißt. Die Irrfahrten des Odysseus sind etwas, das auch ihm widerfährt, es gibt vielleicht etwas wie eine Blaupause für sein Leben, eine – wenn auch düstere – Sinngebung.

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