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Ich werd ’ne Menge vermissen

Hinter den Wolken muss der Vulkan sein – Parinacota in Bolivien © Alle Fotos: Julia Thalheim

Hinter den Wolken muss der Vulkan sein – Bolivien
© Alle Fotos: Julia Thalheim

Chilenisch-bolivianische Mail (4)

Hallo Ihr,

die Salar de Uyuni-Tour ist so mit das Schönste, was man sich naturmäßig antun kann. Drei Tage lang durch die verschiedensten Landschaften, weit oben, fern ab von Zivilisationen und alles aufgrund der Höhe unglaublich entschleunigt. Mein Nachbar im Jeep war übrigens ’n gemütlicher Geologe aus Madrid, hinter mir saß ’ne Chilenin, die alle Schmachtsongs inbrünstig und textsicher mitsang …

Wenn man Landschaften liebt – die Salar-Tour

Wenn man Landschaften liebt – die Salar-Tour

Als wir hier aus dem Jeep ausstiegen war nichts mehr organisiert, und alle waren ein wenig ratlos.

Die erste Busfahrt in Bolivien (von Uyuni nach Potosí) hatte auch gleich alle Attraktionen, die man sich so wünscht: Panne, stundenlange erfinderischste Basteleien, danach um die Hälfte gedrosselte Geschwindigkeit, Beinahe-Unfall, Regeneinbruch mit undichtem Dach, Gepäck auf dem Dach, Sachen nass. Fand das ja immer albern, sich als Touri im Vorfeld die Busse zeigen zu lassen, jetzt habe ich verstanden.

Auch so kann ein Vulkan aussehen – der Parinacota in Chile

Auch so kann ein Vulkan aussehen – der Parinacota in Chile

In Potosí, wohl mal eine der reichsten Städte der Welt und ziemlich hoch gelegen, gab’s ne Tour in die Minen des Cerro Rico, der mittlerweile einem Schweizer Käse gleicht, der sich nur noch in den tiefsten Tiefen Mineralien abtrotzen lässt. Ist nicht so meins so tief unter der Erde, kriechend, dunkel, stickig mit merkwürdig grollenden Geräuschen unter und über dir. Ich werde versuchen, mich nie wieder über meinen Job zu beklagen. Im Vorfeld kauften wir Dynamit, Schnaps und Cocablätter, angeblich, um die Minenarbeiter zu beglücken. Bin mir nicht so sicher, dass das gelungen ist.

Als wir in der Mine waren

Als wir in der Mine waren

Der Aufbruch von Potosí war leider ein wenig überstürzt, weil es die nächsten drei Tage eine Blockade geben sollte und nichts mehr fuhr. Also ab nach Sucre. Die erste Nacht hier gönnte ich mir die wohl schäbigste und damit günstigste Unterkunft. Da die Tür nicht abschließbar war, habe ich alles, was nicht befestigt war im Zimmer (inklusive mir), vor die Tür gestellt.

Der gute Hirte

Der gute Hirte

Die Woche bei der bolivianischen Familie war das komplette Kontrastprogramm und Luxus pur. Konnte mich gut separieren. Das Klo teilte ich mir mit den Bediensteten. Einer heißt Julian. Immer wenn er gerufen wurde, dachte ich, dass ich gemeint bin. Der Mann ist Rechtsanwalt und sie Lehrerin für Geschichte (hat aber Angst vor den Juden). Drei Kinder haben sie. Die sind so zwischen 20 und 30, schätze ich. Hier lebt man ja so lange daheim, bis man heiratet. Zum Mittag sahen wir uns dann immer alle. Ansonsten eher nicht.

Einmal habe ich ’nen Ausflug ins Dorf Tarabuco gemacht. Da gibt’s jeden Sonntag ’nen Riesenmarkt. Leben nur Indigenias da. Auf der Tour hab ich endlich jemand Nettes kennengelernt. Erin aus Thailand. Hat in Bangkok Film studiert und arbeitet jetzt in den USA als Bartender. Nur im Winter. Ist wohl ’n Skigebiet da und vom Trinkgeld macht sie jetzt ’ne sechsmonatige Reise durch Südamerika.

So’n Trinkgeld hätte ich auch gern mal gehabt.

Das Zebra regelt den Verkehr – wer sonst

Das Zebra regelt den Verkehr – wer sonst

Sucre ist eigentlich klein und übersichtlich, hat mich aber trotzdem nach den einsamen Tagen in den Bergen gestresst. Diese stinkenden Busse, die immer ein Problem haben, sich zwischen Bürgersteig und Straße zu entscheiden … Wenn du zu nah an der Straße entlangbalancierst, um den Massen auszuweichen, wirst du unfreiwillig vom Bus mitgenommen. Ich habe auch noch nie so viele Polizisten auf einem Haufen gesehen. Eine Zusammenrottung vor jedem halbwegs öffentlichen Gebäude. Der Verkehr allerdings wurde von Menschen in Zebrakostümen geregelt.

Die Busfahrt nach La Paz war wohl die kälteste Nacht, die ich hier erlebte. Da war die Nacht auf 5000 Meter Höhe auf der Salartour ein Klacks dagegen. Ich musste wirklich krampfhaft meine Zähne zusammenhalten. Als der Bus über El Alto runter nach La Paz einfuhr, spürte ich wenigstens meine Beine wieder.

In La Paz hat man noch Respeckt vor den Tauben

In La Paz hat man noch Respekt vor den Tauben

Ich mag La Paz! Ruhiger und weniger aufgeregt als Sucre. Habe mir nochmals den Titicacasee angeschaut und befand ihn immer noch für wunderschön, wenn auch unglaublich touristisch. Bei der Überfahrt wurden die Partyqualitäten der einzelnen Nationen unter Beweis gestellt. Ich behaupte mal, die Schweizer haben gewonnen.

Meinen Grenzübergang von Bolivien nach Chile habe ich wieder besonders genossen. Wurde komplett auseinander genommen. Diesmal war es ein Hackysack, der mit Maiskörnern gefüllt war.

Auf den Dörfern ist man noch fromm

Auf den Dörfern ist man noch fromm

Zurück in Chile, am Strand von Arica, habe ich meinen neuen Reisekumpan samt Auto kennengelernt. Gemeinsam ging es in die entlegenen, busfernen Dörfer rund um Putre.

Fiesta …

Fiesta …

… Fiesta chiliana

… Fiesta chiliana

Auf einem Friedhof trafen wir ein altes Paar, das uns von einer Fiesta im Nachbardorf erzählte. Alle Feiernden waren bereits vor der Prozession ordentlich angetrunken, aber dafür hatten sie die Instrumente noch gut im Griff. Am Ende durfte ich auf alle möglichen Fotos rauf, Instrumente halten, und alle haben sich köstlich amüsiert.

Ich werde ’ne Menge vermissen.

Gruß und Kuss

Jule

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