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Üble Nachrede Blatt für Blatt

An die Wand geschrieben. Berlin Mitte, Rosenthaler Straße

An die Wand geschrieben. Berlin Mitte, Rosenthaler Straße

Vor drei Jahren zog sich Fritz J. Raddatz an den eigenen Haaren aus dem Sumpf der drohenden Vergessenheit, indem er seine Tagebücher 1982 – 2001 veröffentlichte (Rowohlt). Das Buch wurde unerwartet ein enormer Erfolg, und Raddatz hatte, was er wollte. War wieder in. Das Klatschbedürfnis der literarischen Klasse wurde mehr als erfüllt. Und das Buch war klüger als sein Autor. Es redete, wahrscheinlich wider Willen, von einer Randfigur, die sich immer im Mittelpunkt wähnt. Das durchgängig Unsolide offenbart seine Anziehungskraft. Der Kleinbürger, der sich für einen Aristokraten hält, steht den selbst erkannten Schwächen und Schuftigkeiten machtlos gegenüber. Die Frage, die ihn umtreibt, ist diese: Warum mögen die Leute mich nicht? Und es ist ein Phänomen, dass er sie niemals beantworten kann, aber uns, seinen Lesern, das Wissen an die Hand gibt, die Antwort zu finden. Der Leser mit seinen menschlichen Schwächen kommt voll auf seine Kosten, wenn er Despektierliches über die Promis des Kulturbetriebs erfahren möchte. Nur Frank Schirrmacher, der FAZ-Herausgeber, wird geschont und bedankt sich, indem er das Buch als den lange ersehnten, großen Gesellschaftsroman der Bundesrepublik feiert. Um eine schräge These war Schirrmacher nie verlegen.

Raddatz spielt gern den feinen Pinkel, gibt mit seinen Messerbänkchen an und wird nicht müde, sich darüber zu beklagen, wie schlecht er bewirtet wird, wo er auch hinkommt, wie mager die Büffets sind, wie minderwertig das Essen, wie geizig und lieblos die Gastgeber und statt Champagner gibt es immer nur Sekt. Was ihn nicht hindert, seinem Gast, in diesem Fall Rolf Hochhuth, die Bissen förmlich in den Mund zählen. Es ist bereits Mitternacht, da wagt Hochhuth zu fragen: Haben Sie noch einen Cognac? Raddatz wollte ihm schon längst ein Taxi rufen. Hochhuth hat bereits Champagner, Weißwein, Wasser, Rotwein und Calvados in sich hineingeschüttet, 3 Heringsfilets und danach 3 Kohlrouladen verschlungen.

Raddatz ist wie Treibsand, nichts, woran er sich festhalten kann, nur die Größten wären ihm gut genug und vergleichbar, aber die wollen nichts von ihm wissen, und wer ihn lobt, den hat er schnell durchschaut, denn auch wenn er eitel ist und sich sehr schätzt, im Grunde ahnt er, wie es um ihn bestellt ist.

Auch er ist ein Medienopfer. Er liest, dass Heiner Müller und Christa Wolf mit der Stasi redeten und sofort sind sie für ihn gebrandmarkt, er, als Mann mit DDR-Erfahrung, wirft sich sofort in die Brust und haut noch mal drauf, ohne die Akten bewerten zu können, ohne auch an das große Erfahrungsloch zu denken, das bei ihm klafft, er lebte ja den größten Teil der Zeit in einer anderen Welt. Hinzu kommt, dass er die Medien besser kennen müsste, er weiß, wie mancher Text entsteht, er hätte allen Grund, den Aussagen zu misstrauen, aber wenn es ihm in den Kram passt und wenn er Leute damit attackieren kann, die ihm sowieso zu berühmt sind, dann tut er das unbedenklich. Wie ein Bremer Stadtmusikant: „Dieser Ruhm sollte besser mir zukommen.”

Sinnloser und bezeichnender Weise setzt Raddatz sich (auf Augenhöhe) mit Proust und Fontane auseinander. Zitiert Proust und meint, wenn ich so was in meine Texte einbaute, dann würde man auf mich einschlagen. Via Fontane weiß er zu sagen, Prosa ohne Psychologie sei keine. Er findet sich großartig und zeigt doch nur, dass er nicht viel begriffen hat. Es kommt nicht auf, aus dem Zusammenhang genommene, Zitate an. Alle Welt ist sich einig, dass etwa bei Dostojewski viele schlecht geschriebene Passagen zu finden sind, und doch ist er unwiderstehlich und erst recht unersetzlich.

Raddatz bietet dafür vier Tagebücher in einem: das Tagebuch eines Jammerlappens, einer beleidigten Leberwurst, eines Aufschneiders und einer Klatschbase.

Auch als Devotionalienjäger und als Nachlasspfleger der eigenen Hinterlassenschaft tritt Raddatz hervor. Er ruft die Leute aus Marbach ins Haus und ärgert sich schwarz, dass sie in dem Vorlass herumwühlen und nicht würdigen, was er alles besitzt und andere, wie etwa Gottfried Benn, eben nicht besaßen. Und dass man über sein Handschriftliches hinweggeht, während Autographen von Willy Brandt große Andacht hervorrufen. Er hat bereits dafür gesorgt, dass es nach seinem Ableben in Hamburg ein Raddatz-Museum geben wird. Da stehen dann zum Beispiel seine Picasso-Vasen. Vielleicht auch seine Messerbänkchen.

Und immer wieder: Wenn ich so schlecht schriebe wie Proust, wie Updike, mir würde man die Rübe abhacken. Aber die feiert man.

Fast durchgängig hat man in diesem Buch das Gefühl, es mit übler Nachrede zu tun zu haben und stellt dabei hoch erstaunt fest, dass der Autor sich auch ständig selbst beschädigt. In dem Sinne von: Ich kann nicht anders, als schlecht über andere Leute und mich zu reden.

Dazu gehört Schneid, das muss der Neid ihm lassen.

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