Startseite > Brachwitz weekly > Als ich Lehrling war

Als ich Lehrling war

Nicht unbedingt eine verschworene Gemeinschaft – Malerlehrlinge 1977 © Christian Brachwitz

Nicht unbedingt eine verschworene Gemeinschaft – Malerlehrlinge 1977
© Christian Brachwitz

… was heute Azubi hieße. Lehrling ist auch echt kein schönes Wort, falls man in die Verlegenheit kommt, darüber nachzudenken. Es müsste sowieso Lernling heißen. Und dieses angehängte –ling … –  gar nicht schön. Einen Mann, der immer grüne Anzüge trägt, nennt man Grünling, ein dickes Kind Feistling, also, ich bin mit dem Wort Azubi einverstanden.

Als ich Lehrling war, trug ich einen Kittel. Schriftsetzer. Wir erfuhren, dass man die Schriftsetzer früher Stehkragenproletarier nannte und der Arbeiteraristokratie zurechnete. Im Sinne einer historischen Gerechtigkeit bestrafte die DDR uns, die wir nichts dafür konnten, indem sie uns schlecht behandelte. Wir gehörten irgendwie nicht zur führenden Klasse und wurden besonders mies bezahlt.

Wir waren lustig und ziemlich aktiv und gingen erwachsenen Leuten schwer auf die Nerven. Wir hatten eine Fußballmannschaft, wir nahmen an Handballturnieren teil, wir gründeten ein (Rabauken-) Kabarett, diskutierten einen Redakteur vom Sender Schwerin in Grund und Boden, der uns einen Vortrag über die feindliche Ideologie in Westschlagern hielt. Zu jedem Fest dichteten wir irgendwelche Verse, in denen wir uns, aber auch unsere Lehrausbilder und Erzieher (wir wohnten in einem Lehrlingswohnheim) zur Sau machten. Wir hatten eine Lehrausbilderin, die es tatsächlich noch schaffte, in den Westen abzuhauen, und einen Lehrausbilder, der – was noch unglaublicher war – aus dem Westen in die DDR gekommen war. Unser Lehrobermeister war schwerer Alkoholiker, der immer Pfefferminzbonbons lutschte, und der Leiter der Lehrwerkstatt sprach, wenn wir in den Ernteeinsatz mussten, davon, dass wir das Brot des Volkes einbrächten. Wir hatten meistens Liebeskummer, aber manchmal ging auch was.

Die Jungs auf diesem Bild, das aus den siebziger Jahren stammt, sind auch okay. Der eine macht sich freiwillig zum Affen, weil er, verglichen mit den anderen, viel zu groß ist, und die Komiker, die in die Leitern geklettert sind, geben sich besonders gewitzt. Über allen Dingen sein. Wir haben den Spätaufsteher unter ihnen und jenen, dem das Bier nicht bekommt, das man trinken muss, weil das ja männlich ist. Es gibt natürlich gruppendynamische Prozesse und den Starken, der am mächtigsten allein ist. Möglich, dass sie eine Band gegründet haben, die aber nur einen einzigen Song über die Rampe bringt. It Was a Hard Day’s Night. Sie blicken furchtlos in die Zukunft, aber nicht allzu erwartungsvoll. Heute sind diese Jungs Mitte fünfzig. Sie haben in ihrem Leben einige tausend Tonnen Farbe verarbeitet, aber der mit dem besonders weißen Gesicht ist Schauspieler geworden. Jetzt haben sie allen Grund, furchtlos in die Vergangenheit zu schauen.

  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: