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Sieben Minuten Begeisterung

Mauer in Berlin Mitte. Natürlich im Durchgang zum Kino Central Rosenthaler Straße

Mauer in Berlin Mitte. Natürlich im Durchgang zum Kino Central Rosenthaler Straße

Lange her. Halbfette Sätze aus dem Jahr 2004. Gerhard Schröder war Kanzler, Marlon Brando wurde 80 und starb, Wolfgang Hilbig lebte noch, Florian Gerster, der Direktor der Arbeitsagentur, musste seinen Dienst quittieren, Herr Jauch war noch Frau Christiansen, der Schauspieler Krug entdeckte einmal mehr, dass er auch Schriftsteller war, und Griechenland wurde Fußballeuropameister.

Am Telefon

Silke Engel ruft an, sie hat eine so tiefe Stimme, dass ich sie zuerst für ihren Mann halte. / Vom Parlament ruft ein Herr Kruse an, ich soll eine Rezension über das Politbüro-Buch machen. Er ist so nett, dass er mir alsbald auf die Nerven geht.

Fehlurteile

Der abgelöste Gerster taucht bei Christiansen auf und benimmt sich, als wäre er ein Held, dem man eine hohe Auszeichnung verliehen hat. / Im Fernsehen liest Krug aus seinem dürftigen Buch und verhält sich dabei, als sei ihm eine große Kostbarkeit zwischen die Finger gekommen.  / Wer eines der blödesten deutschen Wörter, Geldbörse, verwendet, tut dies, weil er nicht weiß, wie Portemonnaie geschrieben wird. Redakteurin K. beweist es. Sie schreibt, dass sie träumt, ihre Geldbörse werde gestohlen (der denkbar schlimmste Albtraum) und dann schreibt sie in der Not, um nicht gleich noch mal Geldbörse sagen zu müssen, Portmonae.

Unter Künstlern

Der Liedermacher will jetzt nur noch Anzüge tragen und kein Bier mehr trinken. / In Piepers Sozialstation sitzt neuerdings auch der Dichter Hilbig. Trinkt er Bier oder Brause, frage ich./ Marlon Brando, der vergangenen Sonnabend 80 wurde, sagte als Dreißigjähriger: Ich kann mich an etwas begeistern, aber es dauert nie länger als sieben Minuten. Genau sieben Minuten. Das ist meine Grenze. / Gespenster, sagt Christian Petzold und so heißt auch der Film, den er im Moment dreht, das sind Gestalten, die nicht einsehen wollen, dass sie tot sind… / Raymond Chandler empfindet seinen Charakter als „unverträgliche Mischung aus äußerlicher Schüchternheit und innerlicher Arroganz”, rororo-monographie von Thomas Degering,  / „Ich kann nicht verstehen, wie man schwul sein kann, das Normale ist doch schon unangenehm genug.” Egon Friedell.

Sport und Sportler

Die Aufschläge, die das Tier macht, sind oft turnerische Glanzstücke, manchmal verenden sie aber auch schon an seinem eigenen Hemd. / Unser Führungsspieler erscheint als letzter und benötigt eine halbe Stunde, um sich auf seinen Auftritt vorzubereiten. / Im Tabellenkeller ist es noch eng. / Das ist der neue Trend: Die Schiedsrichter sehen etwas, das gar nicht war, und sehen nicht, was war. So werden sie originell.  / Robert Gernhardt: … auch in intellektuellen Kreisen kann man es sich heute nicht mehr leisten, von Fußball keine Ahnung zu haben. Sonst ist man ausgegrenzt. (FAS) / Guru der Fußballvergangenheit / Er ist die Inkarnation der manisch-depressiven deutschen Fußballseele”, heißt es da (FAZ). „An Kerners Populismus wird man sich nie gewöhnen.” An anderer Stelle: Kerner, der sein Fähnchen urteilskraftfrei in den Wind hängt. / Der Erfolgstrainer Rehhagel scheint schwachsinnig zu werden vor Glück. Nun ist es so weit gekommen, dass die Deutschen ihren hässlichen Fußball mit großem Erfolg ins Ausland exportieren. Otto Rehhagel hat den hässlichen deutschen Fußball zu einem begehrten Exportgut gemacht.  Die modernen Gesellschaften finden keine Antworten auf die alten Fragen. Keine Mannschaft hat ein Mittel gefunden, um die griechische Abwehr auszuspielen. Otto, der Rentnerkönig. / Armstrong ist mir nicht geheuer. Nicht diese Überlegenheit, nicht dieses Gesicht. Man sagt sich immer: eine typische Version von Hochmut kommt vor dem Fall. Aber der Fall lässt sich Zeit. Der Bush-Amerikaner, der die Weltherrschaft beansprucht und sich gottgleich sieht. / Alle interessieren sich für Fußball, niemand interessiert sich für Fußballbücher.

Haus, Straße, Kontaktbereich

Sprachliche Fehlleistung. Jürgi ist noch in der Stotterschule. Was soll er denn da? Er kann doch schon stottern. / Frau König wird völlig von ihrem Pudel dominiert. / Die Arschlöcher mähen ihren Rasen jeden Tag. / Der frisst, wat seine Olle ihm vorsetzt. / Die tragische Figur aus der Rheingoldstraße. Das Opfer aus dem Wachregiment. Der Gatte der Staatsanwältin. Der Herr der Schildkröten. Der Sittlichkeitsverbrecher./ Dem Arbeitslosen bekommt die Ruhe nicht. Deshalb muss man ihn immer wieder aufstören (oder aufstöbern?) in seinem Nest. / Käfers Hand greift zum Bier. Bier und „Bild“, Schutz und Schild. / Der Millimetermann muss sich immer gegen den Sturm stemmen, auch wenn es keinen Sturm gibt.

Aber der Lorbeer ist immer noch bitter

Man kann ja auch befreundet sein, ohne Kontakt miteinander zu haben oder Notiz voneinander zu nehmen. / Wie  schön Grimma nach der Flut wieder geworden ist. Unter den Kommunisten, sagt der begeisterte Propagandist den Menschen, hättet ihr jetzt noch in Zelten gelebt. Unter den Kommunisten hätte es gar keine Flut gegeben, sage ich. /Ich bin der Meinung, dass Männer, die gut und leidenschaftlich gern tanzen, immer auch ein bisschen lächerlich sind. / Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als fünf Deutsche, sagte Heiner Müller. Zehn Russen sind mir lieber als een Wessi, sagt ein Mann im Ost-Dorf Straguth. (Dokfilm von Thomas Heise) / Einige Studenten waren schon sehr dick, vom Assistenten ganz zu schweigen, Hans Brenner mit der lichten Stirn, dessen Bauch im Fußballdress ungeahnte Dimensionen zeigte. / In diesem Land hat man nicht nur Albträume, sondern auch Albwachen. Da stehen dann Mitarbeiter des Finanzamts an der Gartenpforte und murmeln etwas von Vollstreckung. Was wird vollstreckt? Das Todesurteil?  / Diese deutschen Vornamen sind nach wie vor unter eine Katastrophe, besonders die männlichen. / Es geschieht ihnen Unrecht, aber das zu Recht. / „Auf der Welt gibt es keine erfolgreiche Boulevardzeitung, die nicht rechts stünde”, sagt Peter Übersax, Ex-Chefredakteur des Schweizer „Blick”.  / Ein Westler ist ein Mensch, der keine Gelegenheit auslässt, ja, wo laufen sie denn! zu sagen und auf Heiterkeitsausbrüche zu warten. Einige vaterlandslose Ostler quatschen das nach, weil sie glauben, sie wären als Ostler nicht mehr erkennbar, wenn sie diesen Signalsatz beherrschen. / Die Ministerin sieht aus wie ein Vampir nach der Chemotherapie.  / Hans D. Barbier (FAZ) gesteht dem Kanzler einen naturwüchsigen Streetfighter-Charme zu. / Hinter jeder Frau, die gegen das Elend der Welt kämpft, steht ein gelassener Mann.

Aus meinem Leben

Regen. Einkaufen. Briefe schreiben. / Mutter (93): Schlimm, dass du alles dreimal sagen musst! Sohn (60): Dreimal ist okay. / Ich spiele einen Wutfanfall, weil ich die 500 000-€-Frage auf Anhieb glaube beantworten zu können, während der Kandidat aufgibt. / Sind Sie der Autor?, fragt die Frau, es ist die Regisseurin, ich hatte Sie mir attraktiver vorgestellt. / Man kommt nicht an sich heran. / Die Sonne hat sich verabschiedet. Der durchgängig graue Himmel wirkt beruhigend. Ein Wetter zum Romane schreiben. (Na, dann mach doch!)

Der Genießer redet nicht vom Genuss.

 

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