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Fünfzig Witze am Tag

Touristenstaunen in den abendlichen Höfen

Touristenstaunen in den abendlichen Höfen

In der S-Bahn amüsiere ich mich über Woody Allen, während andere Leute große Knistertüten dabei haben, aus denen sie unentwegt Gebäck herausholen. Woody Allen erzählt der Interviewerin der FAS, wie es war, als er in seiner frühen Zeit fünfzig Witze am Tag fürs Fernsehen geschrieben hat. Das Komische ist, dass er nicht wie ein gewöhnlicher Mensch spricht, sondern wie eine Figur aus seinen Filmen. „… wenn man dafür kein Talent hat, wird es ein Jahr dauern, bis man einen einzigen geschrieben hat, aber wenn man es kann, ist es nichts.” Und immer so weiter. „… nach einer halben Stunde Zeitungslektüre haben Sie zwanzig Witze. Vorausgesetzt, Sie können das.” Man sieht ihn vor sich, den melancholischen Snob.

Seinen neuen Film spielen sie in den Hackeschen Höfen. Es ist Abend, die Touristen belagern die Höfe gruppenweise, fotografieren und bekommen Genickstarre, wenn sie in die oberen Stockwerke schauen. Das Kino ist ganz oben. Wenn man dort am Treppenabsatz steht, kann man beobachten, wie die Leute aussehen, nach den vielen Treppen. Ältere Herrschaften sind selten dabei. Die jüngeren gehen das letzte Stück, um sich was zu beweisen, dynamisch an.

Über sieben Treppen musst du gehen bis zum Kino

Über sieben Treppen musst du gehen bis zum Kino

Woody Allen hat es drauf, uns in „Blue Jasmine” mit einem total verkorksten Leben alleinzulassen. Auf einen versöhnlichen Gag, auf eine leichte Ironie hofft man vergebens. Es ist das Leben von Jeanette, die sich Jasmine nennt, weil sie glaubt, soviel Stil und Klasse zu haben. Cate Blanchett spielt das erste Mal in einem Film von Allen, und sie spielt so gut, dass jedes vollmundige Adjektiv lächerlich wirkt. Vielleicht will Allen uns erzählen, dass Hochmut die größte Sünde ist, oder nein, die verhängnisvollste. Denn Jasmines Hochmut blockiert sie im Leben auf Schritt und Tritt. Vermasselt ihr jede Chance. Die Gespräche, die sie führt, das erfahren wir bald, sind Selbstgespräche. Wer zufällig in ihre Nähe gerät, tut gut daran zu fliehen. Sie vermag ihr Dilemma ansatzweise zu beschreiben, aber sie kann keine Schlüsse daraus ziehen. Ihr Umfeld betrachtet sie mit Herablassung, ohne jemals zu realisieren, dass ihre Existenz – Vergleich zu jener der Loser, wie sie sie nennt – viel hoffnungsloser ist. Sie verschätzt sich komplett – nicht die anderen sind übel dran, sie ist es. Es ist schon komisch, wenn sie vor kumpelhaften Annäherungen ganz patenter Männer indigniert zurückschreckt und allenthalben zu nichts weiter in der Lage ist, als die Nase zu rümpfen und für sich selbst Luftschlösser zu bauen. Der Hochmut ist dann Basis weiterer Untugenden: Sie verrät ihren Mann, einen charmanten, aber skrupellosen Geschäftemacher, ans FBI, weil der sich in eine andere Frau verliebt hat und mit der ein anderes Leben anfangen will. Sie belügt ihren neuen Lover nach Strich und Faden und zerstört auch damit ihre Zukunft. Nur wenn sie die plumpen Annäherungsversuche des Zahnarztes, bei dem sie zwischenzeitlich als Sprechstundenhilfe arbeitet, abweist, was eine zugleich verstörende und komische Szene ist, können wir ihren hohen Mut teilen. Sie tut uns leid, aber wir können ihr nicht helfen. Keiner könnte das. Misstraue Menschen, die ohne Not ihren Namen ändern, sie finden einfach keinen Bezug zur Realität – das ist eine Wahrheit, die uns nicht unbekannt war, aber gut, dass Woody Allen sie uns noch mal unter die Nase reibt. Das ist dann die Kehrseite des Hochmuts – ein schwaches Selbstwertgefühl: Ich gelte nur etwas, wenn ich einen tollen Beruf vorweise, teure Marken trage und First Class fliege.

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