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Berlin, wie haste dir nich verändert

Sie hat noch einen Zylinder in Berlin © Christian Brachwitz

Sie hat noch einen Zylinder in Berlin
© Christian Brachwitz

Manche Orte in Berlin sind sich verdammt ähnlich. Das hier könnte in Kreuzberg, im Wedding oder in Neukölln sein, in einem dieser weniger wohlhabenden Westberliner Stadtbezirke. Die Fußgängerampel steht auf Rot. Selbstverständlich. Als Fußgänger bist du in Berlin der letzte Arsch, aber wirklich. Die Hälfte des Fahrdamms ist gesperrt. Am Kiosk geht’s um die Wurst. Jeder Kiosk behauptet, die beste Wurst zu haben. Berlin ist ’ne Wurststadt irgendwie, mal abgesehen davon, dass sich der Laden daneben – wenn ich mich nicht irre – Filet-Stück nennt. Die Fähigkeit der Berliner Geschäftsleute für ihre Läden, „ich sag mal”, originelle Namen zu finden ist grandios, besonders ausgeprägt bei den Friseuren. Und immer gibt es in Berlin mindestens ein Stück Grün. Rote Ampel, grüner Baum oder Busch oder Topfpflanze  oder Unkraut. Und ein Plakat. Berlin heute morgen gestern, alles zusammengefasst im Musical „Ich, Marlene”. Der alte Fritz, das junge Genie am Flügel und der Zeppelin in den Lüften, nein, er wird nicht brennen. Und Marlene in Frack und Zylinder, von der der Kritiker Kenneth Tynan sagte: „Sie hat Sex, aber kein Geschlecht”. Als sie nach Hollywood ging und sich dem Starsystem unterwarf, hungerte sie sich 30 Pfund ab. Könnte mir vorstellen, dass diese verlorenen 30 Pfund dafür verantwortlich sind, dass sie nicht glücklich wurde und letztlich wie Heine in Paris in einer Matratzengruft lebte, aus der heraus sie mit Grabesstimme zu Maximilian Schell sprach. Aber sei’s drum: Wenn sie „Lili Marlen” singt oder „Wenn ich mir was wünschen könnte” mit dieser müden, starken, lasziven Stimme, kriegen wir nach wir vor Gänsehaut. Und wenn die Ampel von Rot auf Grün schaltet, steigt Marlene aus dem Plakat heraus und setzt sich aufs Rad, das natürlich ein Herrenfahrrad sein muss. Verlässt diese Ecke Berlins und landet in einer anderen Ecke Berlins, die genauso aussieht.

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