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Camus Nobelpreis und Unfalltod

Der Fremde. Die Pest. Der Fall. Der Mythos von Sisyphos. Camus hat uns begleitet.

Der Fremde. Die Pest. Der Fall. Der Mythos von Sisyphos. Camus hat uns begleitet.

Vor hundert Jahren wurde Albert Camus geboren.

In der Erinnerung bleibt er ein junger Mann, der in hoher Geschwindigkeit alterte. Stichworte. Wie es in den engen Gassen von Schatten wimmelt. Der Mensch bewegt sich wie ein Schlafwandler inmitten der Ereignisse. Man sieht zu spät, dass man das Glück in den falschen Zusammenhängen, am falschen Ort, auf die falsche Weise gesucht hat. Nun spottet man darüber.

16. Oktober 1957. Was gibt’s Neues?, fragte Sartre. Camus hat den Nobelpreis, sagt sein Sekretär. Er hat ihn verdient, sagte Sartre brüsk.

Das Leben ist ein Roman, sagt Camus. Yogastunden. Chronische Müdigkeit. Er ist noch 43. Nur Kipling war jünger. Immer wieder sagt er, dass Malraux den Preis eher verdient hätte.

Schreibt seiner Cousine: Der Erfolg ist ein Balsam, aber von flüchtiger Wirkung, und die Malaise des Künstlers ist unheilbar: Er stirbt, ohne zu wissen.

Ich werde mehr Feinde haben denn je.

Diese Auszeichnung, die sonst Siebzigjährigen zufällt, ist keineswegs verfrüht, mussten wir doch seit seiner Allegorie Die Pest bei Camus eine Ateriosklerose des Stils diagnostizieren, kommentiert Lucien Rebatet.

Ein Citröen-Vertragshändler erkundigt sich: Sie möchten nicht vielleicht das Modell DS kaufen?

Camus borgt sich einen Frack bei „Cor de chasse” in der Rue de Buci. Fährt mit dem Nord-Express, weil ihm Flugreisen ärztlicherseits verboten sind. Sein Verleger, Claude Gallimard, liest verstohlen den „Fremden”. Möglicherweise zum ersten Mal fünfzehn Jahre nach Erscheinen?, fragt sich Camus irritiert.

Die liberale schwedische Presse vermisst bei Camus Ideen.

10. Dezember, Preisverleihung. Camus hat den Text für seine Rede verlegt, findet ihn aber noch rechtzeitig wieder. Er bekennt, so kokett wie aufrichtig, sein einziger Reichtum bestehe „in seinen Zweifeln und seinem noch im Werden begriffenen Werk”.

Der Korrespondent des westdeutschen Rundfunks zeigt sich beeindruckt von der mächtigen Denkerstirn, dem erstaunlich zerfurchten Gesicht, den spöttisch verzogenen Lippen. Ein Mann, der noch mitten im Kampfe steht, seinen ungelösten Problemen verhaftet. Im Gespräch mit den Medien kurz angebunden.

Hat er eine Botschaft in diesem Moment?

Ich will nur meine Arbeit fortsetzen. Ich bin auf der Suche wie so viele Menschen. Wir suchen in der Nacht mit Zittern und Zagen. Aber es gibt einen Weg, ein Licht, auf das ich mich zubewege. Es heißt: Glauben an das Leben trotz allem.

Wieder in Paris sagt Camus zu Robert Mallet, der Preis habe ihn mit einem Schlag altern lassen.

 

„Ein neues Leben braucht einen neuen Rahmen.” Albert Camus (oder das Ehepaar Camus, Francine und Albert) kauft ein Haus in Lourmarin, einem Dorf im Dreieck Aix-Avignon-Apt. „Das schöne Gebäude, eine ehemalige Seidenraupenzucht, riecht angenehm nach Wachs und schwachem Moder… Das Paar lebt in einer durch die Kinder bedingten geschwisterlichen Eintracht – mit der Francine sich abzufinden scheint.” Camus begibt sich in Klausur mit seinem ehrgeizigen Romanprojekt „Der erste Mensch”. Er schreibt unter Qualen, Hoffnungen und Zweifeln. Die Einsamkeit ist hart, aber der einzige Weg, seinem Anspruch nahezukommen. Camus spricht von einer Art blindem Marsch, den er fortsetzen will. Zu Weihnachten erscheint die Familie. Francine und die Zwillinge. Die Gallimards, Michel, Janine und Anne, kommen zu Besuch in ihrem Facel-Véga.  Am 2. Januar 1960 bringt Camus sie zum Zug nach Avignon. Am 3. Januar gibt er den großen Hausschlüssel bei der befreundeten Familie Ginoux ab. Camus steigt ins Auto der Gallimards. Im Gepäck das Manuskript des Ersten Menschen, bisher 144 eng beschriebene Seiten. Michel sitzt am Steuer, Albert neben ihm, Janine und Anne im Fonds. Vierundzwanzig Kilometer hinter Sens gerät der Facel-Véga auf der RN 5 ins Schleudern, prallt gegen eine Platane und zurück gegen einen anderen Baum, bricht auseinander. Camus ist sofort tot, Michel schwer verletzt. Janine und Anne sind unversehrt. Gallimard stirbt einige Tage später.

Julien Green am 11. 1. im Tagebuch:

Camus ist mit weit aufgerissenen Augen und einem vom Schrecken gezeichneten Gesicht bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich war ihm im vergangenen Juni in der Rue de Commailles begegnet, und im Verlauf eines ausgesprochen herzlichen Gesprächs hatte er sich erboten, mir Karten zu seinem Stück, einer Dostojewski-Adaptation, zu schicken. Sein Blick war menschlich, was bei Literaten nur selten der Fall ist.

„Im Morgengrauen sehen wir zuweilen unser Leben in einem Licht, das jegliche Illusion ausschließt und nur das Wesentliche hervortreten lässt. Diese Sicht ist nicht immer beruhigend.”

 

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