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Berlin Alexanderplatz (7): Der kleine Kommissar

Die Weite des Platzes ermessen

Die Weite des Platzes ermessen

Am Alex hol ich mir ne Schachtel Fish and Chips mit Sauerrahm für 3,50 und schleiche essend über den Platz. Die Schachtel ist ziemlich voll, ich muss aufpassen, dass mir das nicht alles runterfällt, das würde den Leute natürlich gerade gefallen, die mich jetzt schon beim Essen beobachten.

Heute interessiert mich die Weite des Platzes. Die Leute sind gut verteilt, große Zwischenräume, jeder ist eine Einsamkeit für sich, nur die Touristen natürlich nicht, die ihre Fahrräder zusammengestellt haben. Ein Mann in Rot geht quer über den Platz, als hätte er noch nie die Nähe eines anderen Menschen genossen, Männer in einem so krassen Rot werden gemieden. In der Mitte des Platzes, wenn man das so sagen kann, steht ein eleganter Afrikaner mit weißen Haaren und hat die rechte Hand zum Himmel erhoben. Was ist? Ein Verkündiger? Somebody who has a dream? Nein. Er winkt zum Saturn hinauf. Von dort kommen seine zwei jungen Freunde zu ihm runter, dann gehen sie zu dritt in die Richtung, die auch der rote Mann genommen hat. Südamerikanische Klänge wehen herüber, aber ich habe jetzt nicht die Zeit. Muss Geld ziehen. Die Filiale ist total überfüllt, und jeder fünfte hier sieht aus wie ein Bankräuber. In einer guten Beobachtungsposition steht ein junger Bankbeamter und glaubt, alles im Blick zu haben. Das hat schon so mancher gedacht. Ich schaue verstohlen an ihm herunter, ob er irgendwo eine Waffe an seinem Körper versteckt hat, aber seine Waffe scheint wohl eher der Alarmknopf zu sein, der sich irgendwo befinden muss. An der Weltzeituhr formiert sich eine optimistische Gruppe zu einer Demonstration. Die Teilnehmer wirken gut gelaunt und solidarisch, rekapitulieren leise einige Sprechchöre. Demo-Profis, keine Frage, die sicher sind, etwas erreichen zu können. Ich versuche abzulesen, wie spät es jetzt in Bolivien ist, zehn Uhr Vormittag, wenn ich das richtig sehe.

Man in Red

Man in Red

In den Aufgängen zur U-Bahn hat sich ein junges Paar niedergelassen, eine intime Situation, wir wenden diskret die Augen ab. Was ist denn heute nur los! Auch das Haus Berlin ist gut gefüllt, an unserem Stammplatz vergnügt sich eine Schar hyperaktiver Rentner, Generation Silver, drei oder vier Tische sind zusammengestellt, aber das reicht ihnen noch nicht, sie beherrschen das ganze Restaurant. Das Schlimme an diesen Rentnern ist, dass sie nicht still sitzen können, sie stehen dauernd auf, schütteln sich die Hände, klopfen sich auf die Schultern, umarmen einander und setzen sich nicht wieder hin. Das bringt so eine nervende Unruhe in den Laden. Sie haben ihre schönsten Pullover angezogen oder treten hemdsärmelig auf im herannahenden Winter, einer trägt eine martialische Lederschiene am linken Arm, auf die er sehr stolz zu sein scheint. Besonders auffällig ist der kleinste von ihnen, sie nennen ihn Pötzsch, er ist nicht gut zu Fuß, was ihn nicht davon abhält, den Raum dauernd mit seinen heiklen Schritten zu durchmessen, an den Tresen zu treten, mit den Kellnerinnen zu schäkern oder seinen Kameraden Ratschläge zu erteilen. Bemerkenswert auch, dass er im Alter noch so einen widerborstigen Haarschopf besitzt. Tagt hier die Linkspartei? Keineswegs, sagt der Restaurantmanager, seien Sie vorsichtig, das sind alles altgediente Kriminalisten aus Berlin und Potsdam mit ihren Sekretärinnen, Kripo, ganz ausgekochte Leute, Profis durch und durch. Oh, sagen wir und geben ein Erbleichen vor, dann sollten wir vielleicht besser verschwinden? Damit machen Sie sich nur verdächtig, sagt der Manager, verhalten Sie sich so unauffällig wie möglich. Das wird das Beste sein. Die sind so laut, klagen wir. Das ist immer so in der Gruppe, da will jeder zu Wort kommen und zeigen, wie super er noch drauf ist. Wenn die drei Bier intus haben, werden die still. So ist es auch. Eisbein wird serviert, das macht satt und schläfrig. Wir lassen es uns nicht nehmen, den alten Schlager „Bon soir, Herr Kommissar” zu singen, wenn die Commissarios an uns vorbeigehen.. Wer sang den damals eigentlich? Das Hazy-Osterwald-Sextett? Nein, ich glaube der alte Vico Torriani.

He looks like a Lord

He looks like a Lord

Als wir gehen, verlässt auch der kleine Mann mit drei anscheinend noch aktiven Kollegen das Restaurant. Aus ein paar Metern Entfernung rufe ich im sächsischen Dialekt: „Kommissar Pötzsch!”. Die Kriminalisten sind begeistert: Die kennen dich! Die Menschen kennen dich. Ja, sagt der kleine Kommissar, für die Menschen im Raum Berlin/Potsdam habe ich, haben wir alle, viel getan.

Das glaube ich jedenfalls von seinen Lippen ablesen zu können. Dann entfernen wir uns eilig, damit Kommissar Pötzsch nicht auf die Idee kommt, noch mehr für uns tun zu wollen.

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