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Sitten und Unsitten

Was soll eigentlich ständig dieses blöden Brillieren im deutschen Feuilleton? „In ›Die Frau, die sich traut‹ spielt Steffi Kühnert eine ehemalige DDR-Leistungssportlerin, die in jüngeren Jahren als Schwimmerin brillierte … ” Thomas Thiel, FAZ. Ganz davon abgesehen, dass es sowieso eine blöde Wortfindung ist, es soll glänzen, sich hervortun bedeuten. Die ursprüngliche Bedeutung ist wohl „glänzen wie ein Beryll”, was die Sache nicht besser macht.  Hier ist es besonders überflüssig, da Schwimmer im Wasser sowieso glänzen, und wie soll man sich schwimmend hervortun? Es ist ein Wort, das man verwendet, wenn man eine Leistung gut findet, aber nicht imstande ist, sie zu beschreiben. Oder keine Lust hat, sich die Mühe zu machen, sie genau zu benennen.

Der Fußballfeld-Vergleich. Das Holocaust-Mahnmal ist angeblich so groß wie drei oder vier Fußballfelder, was ich bezweifle. Der Vergleich bezeugt nur, dass die Leute, die sich seiner bedienen, nicht wissen, wie groß ein Fußballfeld ist. Und nun: Das Tempelhofer Feld ist so groß wie fünfhundert Fußballfelder. So ein Quatsch. Ein Vergleich soll ja etwas vorstellbar machen. Aber wer kann sich die Größe von fünfhundert Fußballfeldern vorstellen?

Aufschlagen. Die Nachwuchsjournalistin Iris Radisch mokiert sich in der „Zeit” über alte Männer wie „der große Bob Dylan”, die „ein paar Stunden in Hannover, Hamburg, Düsseldorf, Berlin aufschlagen”. Als Nachwuchsjournalistin beherrscht Frau Radisch natürlich die Jugendsprache, und nach der treten alte Männer wie Bob Dylan oder Leonard Cohen nicht auf, sie gastieren oder konzertieren auch nicht, sie schlagen auf, wie Wasserbomben etwa. Und obwohl die alten Helden nicht mehr singen, sondern nur noch „in den Ruinenlandschaften ihrer Stimme umher” irren, eilen die „älteren Bewohner aus den besten Wohnlagen” herbei, um andächtig zuzuhören. Worüber regt man sich auf? Wohnt Frau Radisch etwa nur in einer mittleren Wohnlage? Werden diese Leute etwa gezwungen, zu Dylans und Cohens Konzerten zu gehen? Nehmen die Sänger, „beide sehr klein, sehr schmal und halb verschwunden in den Falten ihrer Legende”, vielleicht Frau Radisch das Publikum weg, dem sie mit ihrer mädchenhaften Stimme etwas aus ihren Rezensionen vorlesen könnte oder gar aus ihrer Biographie über Albert Camus, der sich auch nicht mehr wehren kann?

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