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Zweiter Blick auf Alice Munro

Kann man sich so Kanada vorstellen?

Kann man sich so Kanada vorstellen?

„Ich lebte in meiner Kindheit am Ende einer langen Straße oder einer Straße, die mir lang vorkam.” Als ich jetzt in der FAS die Geschichte „Liebes Leben”  las, war ich gleich noch mal froh, dass ihre Autorin, Alice Munro, den diesjährigen Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Die Kanadierin ist eine großartige Erzählerin, man denkt an Schopenhauer (Man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge) und an Walter Benjamin mit seinem Text über den Erzähler. Schon Munro’s erster Satz leistet mühelos ungeheuer viel. Wie die Welt ist oder wie sie mir zu sein scheint. Eine abgelegene Existenz, in ihrem Rücken die Stadt mit ihrer Geschäftigkeit. Die Brücken über den Fluss (den Maitland River), ein Bach, der nicht breit war, „aber tief genug, um darin zu ertrinken”. Zwei baufällige, gleichwohl bewohnte Häuser, die in jedem Frühjahr im Wasser standen. Die Erzählerin verfolgt die Straßen, deren jede eine Möglichkeit darstellt. Die Schulen, in die sie ging. Die (kurzzeitige) Freundin, deren Mutter Prostituierte war. Terra incognita. Sie besucht die Highschool, und die braven Leute mokieren sich über ihre lange Schulzeit, so, als wenn sie die Prüfungen nicht bestünde. Alice machen solche Bemerkungen gute Laune. „Es war nicht wie auf dem richtigen Land, wo man für gewöhnlich genau wusste, wie es in den Häusern der anderen aussah … ” Die ehrgeizige Mutter,  „… sie war eine Lehrerin geworden, die in einer Sprache sprach, dass ihre eigenen Verwandten sich in ihrer Nähe nicht wohl fühlten”. Der Vater züchtet Silberfüchse und Nerze, aber er ist mit dem Projekt zu spät dran, um zu Wohlstand zu kommen, die Leute haben nicht mehr genug Geld, die Farm lässt sich nicht halten. Der Vater geht in die Gießerei, wo es ihm aber gefällt. Die Mutter kämpft gegen ihre Parkinson-Erkrankung. Und dann kommt ein Satz wie dieser: „Trotz aller Widrigkeiten hielt ich mich für einen glücklichen Menschen.” Man liest die Geschichte und erinnert sich daran, dass es viele Möglichkeiten gibt, sein Leben zu leben, und noch mehr Möglichkeiten, dieses Leben zu beschreiben und zu werten, wobei werten schon zu viel gesagt ist. Man macht Fehler, tut unverzeihliche Dinge, erscheint nicht zur Beerdigung der Mutter, lebt damit, und es geht.

Munro’s neues Buch „Dear Life” erscheint im Dezember bei S. Fischer.

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