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Zwei Familien sind schon zuviel

Wo sich Babylon und Volksbühne treffen

Wo sich Babylon und Volksbühne treffen

Wir sitzen im Babylon Mitte und zählen die Häupter der Anwesenden. Es sind 21, meistens Paare, Freundinnen, die ihre Smartphones nicht loslassen können, aber auch ein hochgewachsener Mann mit einem enormen Haarschopf (wie wird man Künstler? Durch die Frisur.), und ein Zwischenwesen, das mit einer Motorradhaube erscheint, die rote Lichtsignale aussendet. Das Babylon Mitte mutet wie ein Nachkriegskino an, die Zuschauer verlieren sich zwischen den leeren Sitzen in dem großen müden Saal. Als wir den ersten Film von Agnes Jaoui sahen, „Lust auf anderes”, damals im Filmtheater Friedrichshain, war das Kino voller gutgelaunter Leute, deren Laune noch immer besser wurde, je länger der Film lief. Nun unter ganz anderen Bedingungen Jaoui’s vierter Film, „Unter dem Regenbogen”. Ja, was alles so passieren kann unter dem Regenbogen. Es ist schon fast zu viel für eine Regisseurin, zwei nicht unkomplizierte Familien in den Blick zu nehmen, und es ist auch für den Zuschauer nicht leicht, ihren verschlungenen Wegen zu folgen. Der Film ist so blass und müde wie das Kino, sepia getönt, er kommt von den Märchen her, Motive von Rotkäppchen und Aschenputtel leuchten dunkel auf, und er emanzipiert sich von den Märchen, indem er erzählt, dass es die Verwirklichung des Traums vom Märchenprinzen, dem einen und einzigen, nicht gibt. Aber die Liebe könnte unvergänglich sein, wenn sie sich die Freiheit nimmt, die sie braucht. Wenn nicht alles beim bald schon Gewohnten bleiben muss. Wie gesagt, zwei komplizierte Familien – das ist schon fast zu viel, um den Überblick zu behalten. Wir kommen erst richtig in diesem Film an, als klar wird, dass Agnes Jaoui nicht, wie es scheint, die Liebesgeschichte von Laura (aus der einen, der großbürgerlichen) und Sandro (aus der kleinbürgerlichen Familie) erzählt, sondern dass es ihr um Bacri geht, der im Film einfach Pierre heißt, um  Jean-Pierre Bacri, ihren Mann und Ex-Mann, ihren Mitautor und Hauptdarsteller, der in ihren gemeinsamen Filmen ein Unternehmer war, ein großer Schriftsteller und ein kleiner Dokumentarfilmer. Hier gibt er einen Fahrlehrer, und ein Misanthrop ist er nach wie vor oder mehr denn je, er schreit nicht, er rastet nicht aus, aber er wird immer mürrischer und unzugänglicher, obwohl man doch ahnt, dass er nicht so ist, wie er sich gibt, dass er ein Geheimnis hütet. Sandro, sein Sohn, charmanter Stotterer, ist ein begabter Komponist neuer Musik, die Ehe ist natürlich geschieden, Vater und Sohn können nichts miteinander anfangen. Du meldest dich nur, wenn du Geld brauchst, sagt Bacri, und Sandro, der schon längst nicht mehr mit seinem Vater rechnet, antwortet ungeschminkt: Warum sollte ich mich sonst melden! Bitter, aber wahr. Es kommt zu einer überfallartigen Umarmung: Bacri schließt seinen völlig verstörten Sohn in die Arme, einer der irritierendsten Momente des Films. Da hilft nur Wodka, den Sandro zum Glück in seiner unwohnlichen Behausung hat, es ist ein Hohn, als der Vater in seiner Hilflosigkeit sagt: Schön hast du’s hier. Auch ziemlich irritierend, aber letztlich zwangsläufig, dass angesichts der subtilen Verhältnisse fast alle Figuren im Film anfangen zu stottern. Gegen Ende des Films muss Laura, die sich bewusstlos getrunken hat, gefunden und gerettet werden. Mit dieser Aktion finden alle zu sich selbst. Lauras Tante Marianne (von Jaoui gespielt) kann plötzlich Auto fahren, Bacri kann seine Gefühle zum Ausdruck bringen und Sandro findet Clemence, die ihn wirklich liebt.

Auf dem dunklen Luxemburg-Platz wundern wir uns, dass wir noch reden können, ohne zu stottern. So selbstverständlich ist das nicht.

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