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Berlin Alexanderplatz (6): Sommergäste

Pflastermaler arbeiten wie Artisten

Pflastermaler arbeiten wie Autisten

Ich habe auch diesen Sommer keine Wolkenkratzer am Alexanderplatz vermisst. Das einzige Hochhaus, das da steht, ist unzugänglich. Ich sah viele Berlin-Touristen, die sich gleiche T-Shirts gekauft hatten, um unbedingt als Gruppe erkennbar zu sein (Die wilden 13 on tour). Die Männer, die russische Pelz- und Offiziersmützen verkaufen, sahen wie Zig…, äh, wie Sinti oder Roma aus. Die Passanten würdigten diese Mützen mit keinem Blick, ja, sie taten so, als seien diese Prachtexemplare ansteckend. Die Welt dieser hochwertigen Mützen ist zweifellos eine Parallelwelt. Ein einsamer Kämpfer machte, wie wir wissen, kontraproduktiven Wahlkampf gegen Angela Merkel. Sie sei mit ihrem Latein am Ende und müsse griechisch lernen. Immer wenn der Wahlkampf etwas anspruchsvoller wird, geht es gründlich schief. Wahlkampf ist das Einfache, das schwer zu machen ist.

Gar nicht ignorieren

Gar nicht ignorieren

Eines Tages dachte ich, ich stehe kurz vor Ulan Bator. Weiße Jurten, die sich dann aber als ungewöhnlich gestaltete Zelte erwiesen, in denen hart für die Verkehrssicherheit gearbeitet wurde, wenn sich denn jemand bereit fand, mitzumachen. Auf dem Alex war in diesem Sommer einfach immer was los, da hätten die ersehnten Wolkenkratzer nur gestört. Aus Kreuzberg wurde das Straßentheaterfestival „Berlin lacht” importiert. Clownerie, Körperkunst, Stelzentheater, Pantomime, Feuershows und etliche skurrile Apparate, an denen der Mensch seine Ungeschicklichkeit erproben konnte. Ein blondes Mädchen brachte ihrem Freund, dem Trompeter, Würstchen und Saft. Er beendete seinen Song, setzte sich neben dem Mädchen aufs Pflaster, zuerst wurde der Hund versorgt und dann picknickten die beiden.

Wie unser kleiner Trompeter

Wie unser kleiner Trompeter

Ich sah Leute mit mannshohen Blumenrädern an der Weltzeituhr. Ich sah die Pflastermaler am Werk. Die Pflastermaler, vier Künstler, Männlein wie Weiblein, wirkten wie Autisten. Wer etwas mit Inbrunst tut, ohne dafür Geld zu bekommen, muss ja schon mal ein Autist sein. Sie hatten keinen Kontakt zueinander, sie hatten keinen Kontakt zu den Zuschauern, sie schienen nicht einmal Kontakt zu ihren Kunstwerken zu haben, und so ergab sich das Faszinierende dieser Abbilder: Sie waren schön, flächig, kühl, unnahbar. Und bald würden sie zertreten werden. Die Passanten, die zusahen, ohne Geld in den Hut zu legen und ohne sich ein Urteil zu bilden, waren natürlich auch Autisten. Wir alle leben aneinander vorbei, ist das nicht schon das Beste, was man über uns sagen kann? Ich streifte noch durch den Saturn, kaufte aber nichts. Wie ein Autist.

Ein athletischer Rothaariger spielte ein Instrument, das wie ein Saxophon klang, aber ein elektronisches Saiteninstrument war. Hatte schon seine Fans. Übergewichtige Wanderer saßen zusammengestaucht und erschöpft auf den Bänken. Eine Mutter stillte ihr Kind.

Wer kein Geld hat – die Bank ist nebenan

Wer kein Geld hat – die Bank ist nebenan

Das Artisten-Duo Analog gab sich als Wohltäter der Menschheit zu erkennen. Gewöhnlich spielten sie in Theatern und Varietés.  Da sie das aber ungerecht fänden gegenüber jenen Leuten, die nicht die teuren Eintrittspreise zahlen könnten, stünden sie jetzt also hier. Als soziale Maßnahme. Man habe die Zuschauer jetzt für die Zeit eines Kaffees unterhalten, okay, das Geld für einen Kaffee sollten sie dann am Ende in den Hut tun. Oder auch ’n Fünfer oder ’n Zehner. Wer kein Geld habe, auch kein Problem, hier gleich nebenan sei ’ne Bank. Der Redner griff zur Gitarre, sein Partner stieg in einen mannshohen Rad und rollte so abenteuerlich über den Platz, wie sein Compagnon argumentiert hatte. Den sollten die Parteien als Wahlkampfmanager holen.

Toby Parker, Wandering Minstrel aus Liverpool

Toby Parker, Wandering Minstrel aus Liverpool

Busking. Das heißt auf der Straße für Geld Musik machen. Toby Parker ist ein Busker. First he took Liverpool and now he takes Berlin: First no luck under the Alexanderplatz world clock, meinte er, so I moved 50 m under the bridge and generated some cash (funny how that happens), not too bad. Amazing what good acoustics can do.

Unter der Unterführung klang es wirklich besser. Da lag schon ein junger Obdachloser inmitten seiner Habseligkeiten und tippte unentwegt auf sein Handy. Mag sein, dass man keine Bleibe hat. Aber kein Handy haben – unmöglich. Toby Parker sang: Ramblin’ Is My Way. Auf dem Alexanderplatz hatte er den Zeitgeist getroffen. Die Stahlsaiten klirrten.

Kurz vorm Einschlafen

Kurz vorm Einschlafen

Abend fiel über den Platz. Das blaue Licht des Saturn, das rote Licht des New Yorker. Der Strom der Menschen war versiegt. Wir sahen nur noch Einzelgänger, wie wir selbst auch welche waren, in diesem und jenem Moment. Auch der Platz braucht seine Einsamkeit.

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