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Bonjour Tristesse

Die Zeiten ändern sich, die Vereinsliebe bleibt © Christian Brachwitz

Die Zeiten ändern sich, die Vereinsliebe bleibt
© Christian Brachwitz

Ich gehe davon aus, dass dies die Eingangssituation eines Berliner Sport-Vereins ist. Die Kassenbaracke, das Tor, die Eisenstangen, der Rost. The times they’re changing. Früher standen die Fans hier mal Schlange, früher war ein farbiges Schild mit dem stolzen Vereinsnamen an den Eisenstangen angebracht, früher hatte das Unkraut hier keine Chance, früher herrschte hier nicht so eine gottverdammte Verlassenheit. Dafür herrscht nun hier an manchen Tagen die Sonne, die große, um nicht zu sagen einzige natürliche Schattenzeichnerin. Und darum, aber nicht nur darum, ist die Lage schon nicht so trostlos. Ich bin selber auch in so einem kleinen Berliner Sportverein, und der hat noch nicht mal eine eigene Sportstätte. Wir trainieren in der Turnhalle einer Schule. Wir sind da Gäste und haben uns als solche zu benehmen. Die Toiletten und die Duschräume sehen übel aus (die der Jungen noch viel mehr als die der Mädchen). Es gibt eine Reinigungsfirma, die nie den Staub hinter den Heizkörpern erreicht. Dafür wischt sie das Parkett mit einem Mittel, dass den Boden gefährlich glatt macht. Da haben unsere Einsprüche inzwischen geholfen. Wir wollen nur trainieren, in unserem Fall heißt das Tischtennis spielen. Wenn einer Geburtstag hat und Bier mitbringt, ist das immer ambivalent. Man spielt einfach schlechter nach einer Flasche Bier, und uns ist eben an schnellen rasanten Ballwechseln gelegen. Wir wissen auch nicht viel voneinander, nur eben so viel, dass der eine ein guter Abwehrspieler ist, der zweite über eine enorme trockene Rückhand verfügt und ein dritter unglaubliche Topspinschläge fabriziert. Der junge Familienvater und Telekommitarbeiter ist chronisch müde und spielt wie im Halbschlaf. Einmal im Jahr taucht eine Chinesin bei uns auf. Die bringt sich ihren Trainingspartner gleich mit und verschwindet dann wieder wie ein Gespenst. Seit einigen Wochen gehören zwei Russen zu unserem Verein. Der ältere Russe sagt über den jüngeren Russen, dass der noch ganz gut russisch spreche, bloß die Wortstellung im Satz sei bei ihm komisch. Er selbst hat seinen Bodymaßindex befragt und festgestellt, dass er sechzehn Kilo abnehmen müsste. Das kann man alles bei Google berechnen. Hast du denn auch berechnet, wie viel Zentimeter du wachsen müsstest, um den idealen BMI zu bekommen? Nein, gab er zu. Das ist nicht kreativ, sagte ich.

Das sind so ein paar Dinge, die wir voneinander wissen in unserem kleinen staubigen Verein. Wir machen die Tür auf und sagen Bonjour Tristesse. Wir bauen die Tische auf und hauen uns die Bälle um die Ohren. Um zehn, das heißt um 22 Uhr, müssen wir die Halle verlassen haben. Die Bürger im Wohnblock gegenüber fühlen sich vom Licht, das unsere Halle nach draußen wirft, gestört. Vielleicht ganz gut so. Wir würden sonst die Nacht durchspielen.

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