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Er mochte die Literatur und die Liebe

Natürlich muss Marcel Reich-Ranicki jetzt, wo er gestorben ist, vom Bundespräsidenten bis zum FAZ-Herausgeber vieles nachgerufen werden, obwohl das auf der anderen Seite ganz unnötig erscheint. Reich-Ranicki lag vor uns wie ein offenes Buch, er machte keine Geheimnisse, er verschlüsselte nichts, wie sagt man so schön: Er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Alles, was er selbst sagte, wie er an uns herantrat, erklärt viel mehr von ihm als Beschreibungen anderer.

Ich sah ihn das erste Mal in den sechziger Jahren, im Fernsehen natürlich. Er lag mehr auf dem Stuhl, als dass er auf ihm saß, und kratzte mit dem Zeigefinder sein kahles Haupt. Etwas berückend Unvornehmes war ihm zu eigen, und selbstverständlich bürstete er ein Buch und dessen Autor ab. Er ging mit dem Hochmut des Autodidakten, des Unstudierten an die Literatur heran, dem hohen Mut des Mannes, der nicht von seinen Lehrern reden muss, weil er sich alles selbst verdankt.

Er mochte die Literatur und die Liebe, sonst nichts. Na ja, vielleicht Thomas Gottschalk noch. Landschaften, Fußballspiele, Naturereignisse interessierten ihn nicht. Wie ihn auch Bücher, die ohne Erotik auskamen, wohl eher kaltließen. Etwa eine Wanderung zu unternehmen, wäre ihm ein Graus gewesen. Er gab alles für die Literatur, und die Literatur gab ihm reichlich zurück. Einmal war er in eine Talkshow geraten zusammen mit Helge Schneider, dem Komiker, der auch gerade ein Buch geschrieben hatte. Reich-Ranicki wurde gefragt, was er von dem Buch halte. Diese Frage empfand er als Majestätsbeleidigung; das Buch eines Blödelbarden musste jenseits seines Gesichtskreises sein. Helge Schneider lächelte in sich hinein. Er nahm das als Kompliment.

Reich-Ranicki konnte Frauen wie Ulla Hahn verehren und zu Frauen wie Sigrid Löffler verblüffend uncharmant sein. Er konnte sich sehr wundern, wenn er Gegenwind bekam, nachdem er Bücher von Böll, Grass und Walser gleichsam vernichtet hatte – das geschah doch alles im Dienst der Literatur, und nicht gegen diese Autoren, mit denen er gern weiter befreundet gewesen wäre. Er hatte, auch das muss man sagen, keine Antenne für moderne Literatur und schon gar keine für experimentelle Texte. Er wollte eine überschaubare Handlung, Spannungsbögen, kräftige Helden, Leidenschaft. Alles Verrätselte, Hochgestochene war ihm suspekt. Es konnte durchaus vorkommen, dass er sich überschätzte, aber dabei waren ihm viele behilflich.

Im hohen Alter machte ihn die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zu einer Art Briefkastenonkel. Die Leserfragen waren ihm meist lästig . Er antwortete zuweilen ungnädig und rüpelhaft. Marcel Reich-Ranicki war müde und verdrossen, aber er antwortete noch. Es waren vielleicht gerade das Ungehobelte und Unvornehme seines Temperaments, die ihm eine erstaunliche Unabhängigkeit des Geistes bescherten.

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