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Ein Zweikampf unter Freunden

Aus Herman Melvilles „Moby Dick” lernte ich, dass der Wal wegen seiner weit auseinander liegenden, seitlich stehenden Augen zwei Bilder sieht, nicht – wie wir Menschen – ein einheitliches.  Diese Information konnte ich nicht vergessen. Ich stellte mir vor, wie das ist, immer zwei Bilder zu sehen und wie sich das aufs Gehirn auswirkt. Werden Wale leicht schizophren? Und stimmt das überhaupt, was Melville da erzählt? Ich wollte nicht weiter nachforschen, und ich denke: Besser, es stimmt, was Melville schrieb, sonst wären wir um eine Merkwürdigkeit ärmer. Moby Dick. Der weiße Wal. Einer der berühmtesten Romane der Weltliteratur. Eine der größten Geschichten, die je erzählt wurden …

Melville war kein glücklicher Mann, wie alle, die Romane schrieben, weil sie Geld verdienen mussten. Er war Bankangestellter und Matrose, Bauer und Schriftsteller, Walfänger und Zollinspektor, alles ging bei ihm zusammen, aber nur irgendwie, schlecht und recht. „Tatsächlich hat er nie gern körperlich gearbeitet”, schreibt Somerset Maugham. Er hatte zu feine Hände. „Er scheint alles genau zu sehen, und wie er das mit seinen kleinen Augen schafft, ist mir ein Rätsel”, bemerkte die Frau des Schriftstellerkollegen Nathaniel Hawthorne. Es war etwas Unauflösbares in Herman Melville. Und dieses Unauflösbare, Unerklärbare ist auch der Kern von Melvilles Novelle „Bartleby der Schreiber”, die ich gerade fasziniert in einer Ausgabe der feinen textura-Reihe von C. H. Beck gelesen habe. Was soll man, was soll die Welt mit einem Menschen anfangen, der immer wieder höflich und zurückhaltend „Ich möchte lieber nicht” sagt?

„Ich bin ein Mann schon vorgerückten Alters.” Der Ich-Erzähler ist ein New Yorker Anwalt. „Anfangs”, sagt der Mann, „bewältigte Bartleby ein unerhört großes Pensum an Schreibarbeiten.” Als er ihn das erste Mal sah, erschien er ihm „farblos ordentlich, erbarmungswürdig ehrbar, unendlich einsam”. Und dann kommt der Moment, wo Bartleby, mit der Durchsicht eines einfachen Schriftstücks beauftragt, mit eigentümlich sanfter Stimme erwidert: „Ich möchte lieber nicht.”  (I would prefer not to.) Es ist unerklärbar. Dieser fleißige, bedürfnislose Mann! Der kaum etwas isst, das Haus nicht verlässt und, wie sich herausstellt, im Büro übernachtet. Und seine Verweigerung greift um sich wie ein Flächenbrand. Bald möchte er auch nicht mehr Schriftstücke kopieren, das, wofür er eingestellt wurde und wofür er Geld bekommt. Er will auch das Büro nicht mehr verlassen und steht da wie ein Gespenst, wenn der Anwalt mit Klienten und Kollegen verhandelt. Der Anwalt fühlt mit diesem seltsamen Mann, versucht ihm zu helfen, irgendwie einen Schritt in eine lebbare Gegenwart hinein zu tun, aber Bartleby möchte lieber nicht. Auch er gehört zu den Menschen, denen auf Erden nicht zu helfen ist. Und er zieht nicht nur den Anwalt mit in seinen Abgrund hinein, sondern auch uns, die Leser. Wir können dieses Buch nur lesen, einerseits hingerissen, andererseits unglücklich. Der Anwalt und Bartleby – es ist ein Zweikampf unter Freunden auf Leben und Tod. Und Bartleby, diese schwache, unglückliche Natur – ist er auf der anderen Seite nicht stark? So stark wie der Wal, so stark wie das Schicksal? Nach Bartlebys Tod recherchiert der Anwalt. Was er herausbekommt, ist so verrückt wie aufschlussreich: Der Schreiber war vormals ein kleiner Angestellter des Amtes für unzustellbare Briefe in Washington.

„Wir erkennen darin eine frühe Warnung vor dem (damals noch bevorstehenden) Desaster der Moderne: Es gibt keine Ethik, keine Religion, keine Ideologie, die stark genug wäre, das ›überspannte Wesen‹ des Menschen (Melville) friedlich zu überwinden”, schreibt Wilhelm Genazino im Nachwort.

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